Zeit für Rock ’n’ Roll. Wenn er könnte, wenn er dürfte, dann würde Sascha Macht um den Turm der Burg Beeskow herum eine riesige Wasserrutsche bauen. Dann würde er in den Hof der Burg aus den Alpträumen von Wildkatzen und dem Schnee, der von Sternen rieselt, poetische Räume zimmern, in denen das Leben brüllt und jauchzt, jammert und heult, schmust und kratzt. Mit ähnlichen Worten will Sascha Macht sich am Sonnabend in Beeskow als Burgschreiber vorstellen.
Wenn er nun ins Literaturkämmerchen dieses Gemäuers einzieht, bekommt es einen Mitbewohner, der transsexuelle Gespenster, fleischfressende Kiefern und Inseln erfindet, die durch Atomtests der USA plötzlich aus dem Meer auftauchen und deren Erhebungen klangvolle Namen tragen wie „Berg der 21. Arbeitstagung des Kommunistischen Konsortiums“. In Beeskow wird nun ein Autor logieren, der der Erdbevölkerung das Erlebnis einer Invasion von Rieseninsekten schenkt und Hornissenköniginnen erschafft, die so groß wie Blauwale sind und von den Bürgern der venezolanischen Hauptstadt Caracas in einer Mischung aus Entsetzen und unterwürfigem Respekt „Schwarze Schönheit des Todes zwischen Gebirge und Meer“ genannt werden. Sascha Macht ist ein begnadeter Schöpfer absurder Verhältnisse und wirrer Welten.
Das kann man nachlesen. In seinem vor zwei Jahren erschienenen Roman „Der Krieg im Garten des Königs der Toten“ zum Beispiel. Sasa Stanisic, der vielleicht talentierteste Sprachkünstler unter Deutschlands jüngeren Autoren, lobte als „grandios“, wie Macht in diesem Roman „mit der Eleganz des Motorsägen-Spezialisten aus dem Weltgeäst wilde, anarchistische Literatur entastet“.
Wild und anarchistisch – würde man nicht denken, wenn man Sascha Macht irgendwo sitzen sieht in seiner mönchischen Geruhsamkeit. Er der Fels, ringsrum die Brandung. Wahrscheinlich spart er sich die Eruptionen für seine Arbeit auf. Denn seine Texte sind alles andere als Literatur der Sanftmut. Sie sind wie aufgepeitschte See, Hochzeits­party in der Geisterbahn und eine scharfsichtige, scharfzüngige Abrechnung mit Zuständen, die ihm „die Kotze aus dem Mund tropfen lässt“. So deutlich wird er das am Sonnabend auch bei seiner Lesung sagen. Was ihn würgen lässt, sind großdeutsche Hirngespinste, fehlender Anstand, Reichsbürgerbosheit und zu viel reaktionäres Preußen im Kopf. Er setzt die Literatur dagegen, sie ist für ihn der Ausweg aus der Piefigkeit der Gedanken, der Gegenpol zur Bosheit, zur intellektuellen und emotionalen Verkümmerung und zur Dummheit der einfachen Antworten. Literatur ist für ihn Wagnis und das Erfinden von Gegenwirklichkeiten, von verrückten, ermutigenden oder grauenerregenden Denkfiguren. Literatur ist für ihn – siehe sein Roman – nicht nur neue Wege zu gehen, sondern neue Wege zu erfinden. Samt der Landschaft drum herum.
So wird das auch in seinem neuen Roman sein, der von der Invasion besagter Rieseninsekten erzählt und an dem er in Beeskow weiterarbeiten wird. Er wollte im Sommer, als er Stipendiat auf Schloss Wiepersdorf war, gut damit vorankommen. Allein die Umstände des Hauses, dessen Betrieb gerade abgewickelt wurde, haben ihn so gebremst, dass er dem brandenburgischen Kulturministerium einen fünfseitigen Brief schrieb, dass man mit Künstlern so nicht umgeht. Das Ministerium hatte bereits angekündigt, ein neues Konzept erarbeiten zu wollen und das Haus sanieren zu müssen. Und es hat sich bei Sascha Macht in seinem Antwortbrief ein bisschen entschuldigt und ihn ausdrücklich eingeladen, wiederzukommen.
Der 32-Jährige hat sich nicht als fremder mit der brandenburgischen Regierung angelegt. Er kommt von hier, ist 1986 in Frankfurt (Oder) geboren, hat dort sein Abitur gemacht, am Literaturinstitut in Leipzig studiert, lebt seitdem in der Stadt und ist eine Größe in deren ausgesprochen interessanter und dynamischer Kulturszene.
Beeskow ist also eine Rückkehr – und eine besondere Form des Heimatkunde-Unterrichts. Heimat, sagt er, sei für ihn der stabilste Ort, den er sich vorstellen kann, aber nichts, was man deshalb heiligsprechen müsse – sondern was die literarische Fantasie kitzelt. Am Sonnabend wird Sascha Macht deshalb auch eine Armee sowjetischer Cyborgs erwähnen, die  versteckt in einer Bunkerstadt tief unter der märkischen Heide lauert.
Öffentliche Amtseinführung mit Lesung: 3.11., 19 Uhr, Konzertsaal der Burg Beeskow