In der Klosteranlage Chorin erlebt der Choriner Musiksommer mit Joseph Haydns Oratorium "Die Jahreszeiten" den sommerlichen Auftakt seiner 56. Saison. Schon bald kommen bei dem Gewusel der erwartungsfroh gestimmten Menge Goethes faustische Worte ins Gedächtnis: "Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!".
Kraftvoll und zügig, geradezu voller Dramatik, spielt das Rundfunksinfonie-Orchester Berlin (RSB) unter Leitung von Wladimir Jurowski die "Frühlings"-Einleitung, in der das Fliehen des Winters vor den erwachenden Trieben der Natur tonmalerisch beschrieben wird. Und auch im Folgenden geht es oftmals beschaulich, aber nie betulich zu. Dafür sorgt schon des Dirigenten kraftvolle und zupackende, detailgenaue und antipathetische Lesart. Da erhält jede Jahreszeit durchs prächtig musizierende RSB die ihr gemäße Grundstimmung und klangplastische Ausgestaltung: hitzelastend für den Sommer, jagdfrohsinnig und weintrunken für den Herbst, frostfahl und stockend für den Winter. Wo erforderlich, weben sie ein leichtes und luftiges Tongewebe wie aus Tüll, liefern reich kolorierte Klänge gleich einem Aquarell oder Fresco, einer Radierung oder einer Skizze, einem breit ausgemalten Ölgemälde für die fast natural nachempfundene Gewitterszene oder die effektvoll ausgebreiteten Jagd- und Wirtshausszenen.
Dabei begeistert das stimmprächtige Vocalconsort Berlin (Einstudierung: Ralf Sochaczewsky) mit seiner hinreißenden frischen Ausstrahlung, seiner homogenen Geschmeidigkeit und lockerer Diktion sowie seinem ausdrucksnatürlichen Vortrag und in allen Stimmgruppen sehr ausgewogenen Zusammenklingen. Mit ihrem koloraturensicheren lyrischen Sopran, gepaart mit hellglänzenden und leuchtkräftigen Höhen, bezaubert die israelische Sängerin Chen Reiss. Wenn sie beispielsweise frühlingsfroh davon kündete: "Wie lieblich ist der Anblick der Gefilde jetzt", so nahm man ihr dies ohne Wenn und Aber ab. Weniger glaubwürdig und rezitativsicher tönte dagegen der finnische Tenor Topi Lehtipuu, dem es an Treffsicherheit der Töne und stilkundiger Rhetorik hörbar mangelte. Für die Basspartie war mit dem Bariton Dietrich Henschel ein opernpathetischer Solist aufgeboten, der in einer seiner Arien zwar froh und eilig als Ackersmann übers Feld schreitet, letzteres aber – und nicht nur bei dieser Aktion – mit Schreien verwechselt.
Zum "Winter"-Schluss dann die von allen Beteiligten hymnisch angestimmte Allegorie: "Erblicke hier, betörter Mensch, das Abbild deines Lebens." Die Zuschauer jubelten.