Sie haben maximal eine halbe Minute, dann sind die Regionalzüge Richtung Berlin und Wittenberge durchgerauscht, in dem ihr Publikum sitzt.
Mit Dinosaurierkostüm und als dunkel gekleidete Verfolger hasten sechs Mädchen aus Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) über ein Feldstück an den Bahngleisen. Der Dino, der eine Regenbogenfahne um seinen Hals trägt, ist aus einem Käfig entflohen. „Der Dino ist eine geschlechtsneutrale Figur. Er steht mit der Regenbogenfahne für Toleranz und wird von autoritären Häschern gejagt“, erklärt Janine Dittmeyer. Die Jugendsozialarbeiterin betreut das Projekt „Jugend-Aktions-Gruppen-Theater“ (JAGT), an dem die 14-jährigen Mädchen seit dem vergangenen Jahr mitwirken.

Landesweiter Aktionstag #anBahnen

Die Gruppe nimmt am landesweiten Aktionstag #anBahnen am Samstag teil. In Wittstock wird noch eine Cosplay-Gruppe in Mangakostümen direkt am Bahnhof die Zuggäste mit Improvisationstheater erfreuen. Insgesamt sind Aktionen in 38 Orten in Brandenburg geplant, aber auch in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern.
Zu den Initiatoren gehören die Bildungsreferentinnen Uta Lauterbach und Friederike Kawlath von der Jugendbildungsstätte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Flecken Zechlin (Ostprignitz-Ruppin). Während des Corona-Lockdowns hatten sie sich durch Schauspielaktionen an Bahnstrecken von Anwohnern in Mitteldeutschland inspirieren lassen. „Wir dachten, das wäre auch bei uns eine total schöne Nummer“, sagt Lauterbach.  

Wenige Jugendangebote während Corona

Ein Gedanke ist, auf die Situation von Kindern und Jugendlichen in der Region aufmerksam zu machen, die während der Corona-Epidemie besondere Einschränkungen erlebt haben. „Nach den Aussagen von ihnen sind sie in der Coronakrise nur als Schüler wahrgenommen worden und es ging immer nur um die Sicherung der schulischen Bildungslandschaft“, sagt Katja Stephan vom Kompetenzzentrum für Kinder- und Jugendbeteiligung Brandenburg, die dieses Projekt mit anderen Trägern der Jugendarbeit und verschiedenen Jugendgruppen organisiert.
Ideen der jungen Leute, Bedürfnisse und Gestaltungsmöglichkeiten in der Krise seien nicht abgefragt worden, dabei hätten viele nachhaltige Innovationen von ihnen ausgehen können. Mit der Aktion solle auch die Jugendbeteiligung in den Städten und Gemeinden gestärkt werden, wie es vor zwei Jahren in der Brandenburgischen Kommunalverfassung verankert worden sei, so Stephan.
Allerdings sind nicht nur Jugendgruppen beteiligt. Die Idee fand generationsübergreifend Anklang. „In Wittenberge in der Prignitz machen zum Beispiel Bewohner eines Seniorenheims und Kita-Kinder mit“, berichtete Lauterbach. Ein Wunsch der Initiatoren sei, dass das Projekt zu einem bundesweiten Aktionstag für Jugendbeteiligung wird.
Ab 10 Uhr wollen die Mädchen von JAGT am Samstag an der Bahnstrecke bei Wittstock kreativ werden. Auf einem Transparent werden die Forderungen stehen, die sie noch formulieren. „In unserer Freizeit setzen wir uns generell mit gesellschaftlichen Problemen auseinander“, sagt Philomena Mittelstädt. Leider sei ihre Region in Sachen Toleranz oft noch nicht viel weiter gekommen. Deshalb wolle die Gruppe an dem Aktionstag ein Zeichen setzen.
Positives Feedback gab es auch vom Brandenburger Jugendministerium. Vertreter wollen am Samstag aus dem Zug heraus einige der Spektakel beobachten, wie Lauterbach berichtet. In Wittstock soll an dem Nachmittag außerdem das neue Jugendzentrum am Bahnhof eröffnet werden. An der Gestaltung haben auch zahlreiche Jugendliche mitgewirkt.

Aktion von Ministerium gefördert

„Solche kreativen Aktionen unterstützen wir gerne“, sagt Ministeriumssprecherin Ulrike Grönefeld. Das Projekt #anBahnen werde aus Lottomitteln des Ministeriums in Höhe von 10.000 Euro gefördert. „Es ist ein Beispiel für innovative digitale Jugendarbeit, Werbung für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im kommunalen Raum“, so die Sprecherin. 
Überhaupt sei ihr Haus an den Erlebnissen und Erfahrungen junger Leute in Brandenburg während der Corona-Zeit interessiert. Deshalb fördere das Ministerium mit rund 112 000 Euro eine Studie des Instituts für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Potsdam. Ziel seien Erkenntnisse, in welcher Weise sich die Corona-Pandemie auf die Lebenszufriedenheit und Werte von Jugendlichen sowie auf ihre Zukunftserwartungen auswirkt.