Dann kam vor einigen Tagen das Veranstaltungsverbot. Beträchtliche Summen, die Götz Rausch zum Beispiel in die Werbung investiert hat, sind damit futsch. Ganz zu schweigen von den vielen Stunden Arbeit, die er in das Herzensprojekt "Musik und Sterne" gesteckt hat. Die Gagen muss Rausch aber nicht zahlen, weil es sich beim Coronavirus um höhere Gewalt handelt. "Auf der einen Seite ist das natürlich schlimm für die Künstler", sagt der Instrumentenbauer. "Auf der anderen Seite hätte ich das ohnehin gar nicht zahlen können. Dann wäre ich pleitegegangen."
Jetzt vollbringt der Saiteninstrumentenbauer mit eigener Werkstatt gerade ein kleines Wunder der Organisationskunst: Sein Festival kann voraussichtlich mit allen angekündigten Künstlern einfach um ein Jahr verschoben werden. Vom 12. bis 14. März 2021 soll das Festival stattfinden.
So wie Götz Rausch geht es derzeit vielen freien Kulturschaffenden. Während die Ensembles großer Theater- und Opernhäuser immerhin durch Arbeitsverträge gesichert sind, stehen Einzelkämpfer oft schon nach wenigen Ausfällen vor dem Abgrund. Die Finanzdecke ist schlicht zu dünn; mit den entgangenen Eintrittseinnahmen geht nicht selten die Sorge einher, woher die nächste Miete oder die nächste Kühlschrankfüllung kommen soll.
Der Eberswalder Veranstalter Udo Muszysnki weiß um die existenzielle Bedrohung für freie Künstler. Im Auftrag der Stadt managt er die wöchentliche Reihe "Guten Morgen", er ist für das Programm beim Stadtfest "FinE" ebenso verantwortlich wie für den Weihnachtsmarkt. Sein Festival "Jazz in E" sowie sein Beitrag zum Filmfest "Provinziale" finden überregional Beachtung.
Zwei Angestellte beschäftigt Muszynski derzeit mit 30-Stunden-Stellen. "Ich bin der Puffer", sagt er über seinen eigenen Verdienst. Für seine Mitstreiter will er nun Kurzarbeit beantragen. Bislang hält er an seinen Plänen fest, das Jazzfestival am Himmelfahrtswochenende (20.–23. Mai) durchzuführen; der Vorverkauf läuft. Etliche internationale Künstler hat er dafür verpflichtet. Sollte eine Absage doch erforderlich werden, will auch er einen Ausweichtermin suchen. Vorerst sind im Landkreis Barnim alle Veranstaltungen mit mehr als 30 Personen untersagt. Für "Guten Morgen" hat Muszynski einen Rahmen gefunden, um dennoch fortzufahren: Wohnzimmerauftritte in improvisierten Studios, die auf der Facebook-Seite der Reihe gestreamt werden. Mehr als 1500 Aufrufe verzeichnete der Auftritt am vergangenen Sonnabend. Damit bescherte der Notfall der Reihe ein ganz neues, ortsfernes Publikum. Seit dem Start der Reihe im Jahre 2007 ist "Guten Morgen" kein einziges Mal ausgefallen. Und das soll auch so bleiben: An diesem Sonnabend um 10.30 Uhr tritt die Folk-Truppe ?Shmaltz! auf.
Besonders betroffen von der Krise ist auch das Theater am Rand in Zollbrücke. Der kleine Bühnenbetrieb im Oderbruch muss – bis auf punktuelle Förderung für einzelne Inszenierungen – ohne staatliche Mittel auskommen. Doppelt ungünstig: Das Haus ist mit seinen Spielzeiten antizyklisch aufgestellt, die Saison beginnt dort traditionell Ende März – also jetzt. Das vorbereitete Programm mit Premieren und einer Neubewirtschaftung der Gaststätte ist bis auf Weiteres obsolet. Geschäftsführerin Almut Undisz ist auf Schlimmstes vorbereitet: "Ich hoffe, dass wir die Zeit überhaupt irgendwie überleben." Derzeit führe man Gespräche mit Künstlern, Gästen, Pensionen und externen Auftragnehmern. Eine Inszenierung von Sasa Stanisics Roman "Vor dem Fest" kann vorerst nicht zur Premiere gebracht werden. "Wir können auch nicht einfach Wochentage im Sommer als Nachholtermine anbieten, weil dann kaum jemand zu uns kommt." Undisz appelliert an den Staat, der freien Kunstszene jetzt großzügig und unkompliziert unter die Arme zu greifen. Darüber hinaus denken die Zollbrücker darüber nach, einen Unterstützerkreis zu initiieren, um Spenden einzuwerben.
Auch in Zollbrücke gilt: Not macht erfinderisch. Man überlege nun, besondere Open-Air-Formate anzubieten, die auch bei Einhaltung empfohlener Mindestabstände zwischen den Besuchern durchführbar sind. "Und dafür haben wir natürlich die besten Voraussetzungen", sagt Almut Undisz mit Blick auf das Grundstück in Zollbrücke.

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