In diesem gewaltigen Text, der Archaisches, Kleist'sches und Kafkaeskes amalgamiert, werden Kämpfe gekämpft, die aussehen, als wären sie nicht mehr unsere. Es geht um Krieg, Diktatur und die Vergötzung von Ideologien. Das Stück besitzt allerdings auch eine tiefere Bedeutungsebene, die fragt, ob wirklich immer der Zweck die Mittel heiligt, der fragt nach dem Verhältnis Mensch-Staat, der fragt, wie weit man gehen darf oder muss für seine Überzeugungen. Und das macht dieses Stück, diese fünf Szenen, heute noch spielbar.
Am Staatstheater Cottbus hatte es am Sonnabend in einer Inszenierung von Mario Holetzeck Premiere. Das Stück erlebt ja zurzeit eine Renaissance. Aber während es in Leipzig und Hannover - mit Furzeinlagen da und verjuxter Kapitalismuskritik dort - intellektuell weichgespült wurde, hat Holetzeck über weite Strecken eine sehr strenge Form durchgehalten. Mal vom vierten Teil abgesehen, der durch seine Absurdität sowieso aus der Rolle fällt.
Diese Strenge tut dem Text und der Inszenierung gut, auch wenn sie sich im letzten, dem fünften Teil etwas verhaspelt. An den Schauspielern liegt das allerdings nicht.
Holetzeck verlangt ihnen einiges an Disziplin ab. Denn große Teile des Textes lässt er chorisch sprechen. Die acht Schauspieler werden zu einer Stimme, weil es gerade in den ersten beiden Teilen darum geht, aus einem Menschenhaufen eine Einheit zu schmieden
Teil eins und zwei lehnen sich an Alexander Beks Roman "Die Wolokolamsker Chaussee" an und sezieren Situationen, in denen ein Offizier mittels drakonischer Strafe die Angst seiner Soldaten besiegt. Und wie man sich als Führer behauptet, auch wenn man seine Leute in die Irre führt. Sigrun Fischer gibt den überforderten, sich selbst zum Gesetz machenden Kommandeur mit finster funkelnden Augen.
Müller demontiert und entzaubert mit diesen ersten beiden Szenen das Führerprinzip, für den jeder Totalitarismus - ob nun linker oder rechter - empfänglich ist. Das bringt diese Inszenierung ziemlich genau auf den Punkt.
Im dritten Teil, für den der Dramatiker ein Motiv von Anna Seghers bearbeitet hat, erhebt sich der Stellvertreter (Thomas Harms) gegen seinen Betriebsdirektor (Heidrun Bartholomäus). Der Ziehsohn probt den Aufstand am 17. Juni 1953 - Brutus gegen Cäsar auf sozialistisch. Nur das Cäsar hier am Leben bleibt und auf seinem Posten, weil er die sowjetischen Panzer im Rücken hat. Die Szene verdichtet sich zur Peinlichkeit des Triumphes.
Dann Teil vier, die obskure Farce, in der ein Sicherheitsapparat in Panik gerät, weil sich das Volk plötzlich vorbildlich verhält, nicht die zaghafteste Gesetzesübertretung ist zu vermelden. Also wird ein Delikt befohlen. Am Ende verwachsen - Kafkas Verwandlung lässt grüßen - die Schreibtischtäter mit ihren Schreibtischen zu Schreibtischmenschen. Leider treibt Holetzeck die Szene so auf die Spitze, das die absurde, kluge Komik Müllers zuweilen in Albernheiten versackt.
Und auch im fünften Teil findet der Regisseur nicht zu der Stringenz, die seine Inszenierung zu Beginn hat. Obwohl Oliver Breite und Michael Becker den Dialog zwischen einem Parteikader und seinem für ihn politisch missratenen Adoptivsohn feinsinnig und hoch emotional sprechen, wirkt die Szene anfangs flattrig, man hat einige Mühe, sich in den Konflikt hineinzufinden. Trotzdem, ein spannender, ein intelligenter Theaterabend, der es lange im Kopf arbeiten lässt.
Vorstellungen: 23. 6., 19.30 Uhr, 28. 6., 19 Uhr, Staatstheater Cottbus, Tel. 0355 78242424