Kleists Tod und die Polizeiakten, die es dazu gibt, sind das Fenster, von dem aus der Film zurückschaut auf das Leben dieses Dichters, auf seine Zerrissenheit, sein Gehetztsein, sein Frauenproblem und die Zerwürfnisse mit seiner Familie. Der Film bindet das zu einer spannend erzählten Geschichte zusammen. Grundsätzlich Neues wird in diesem Krimi nicht erzählt, aber der Dichter, von dem nur ein verbürgtes Bild existiert, wird als Mensch greifbar.
Der Schauspieler Alexander Beyer gibt ihm ein Gesicht, wenn er mit Meret Becker (als Henriette Vogel) durch den Wald spaziert, wenn sich beide umgarnen, wenn sie sich genießen, wenn sie ineinander aufzugehen versuchen. Da haben sich zwei gefunden, „die chemisch reagieren“, heißt es in der Dokumentation.
Wie intim das Verhältnis zwischen ihnen wirklich war, kann nur spekuliert werden, wie vieles über Kleist. Und das zeigt auch dieser Film, in dem die Autoren Simone Dobmeier, Hedwig Schmutte und Torsten Striegnitz ab und an bewusst ein paar falsche Spuren auslegen, die dann bald wieder versanden. Ob Kleist vielleicht Spion gewesen sei, fragen sie. Seine ewige Jagd quer durch Europa würde den Verdacht nahelegen. War sein Tod am Wannsee deshalb vielleicht politischer Natur? War er natürlich nicht.
Er war die reinste Inszenierung. Da sind sich die vier Experten, die in der Doku immer wieder zu Wort kommen, einig. Unter ihnen ist Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles. Ihn zu Kleist zu befragen, war das Beste, was dem Film passieren konnte. Denn Peymann findet in seiner Expressivität Worte für Kleist, die ihn sehr emotional, aber eben auch sehr anschaulich erklären. Von Kleist dem Gefühlsterroristen spricht er, von einem deutschen Genie, das nur Millimeter vom Extremismus eines Dschihad-Kriegers entfernt gewesen sei und von dem größten Literaten neben Shakespeare.
„Die Akte Kleist“, Montag, 21.55 Uhr, Arte