Es war ein bisschen wie auf einer Expedition: Als der Berliner Fotograf André Baschlakow im Januar 2010 sein neues Projekt in Angriff nahm, arbeitete er mit Handschuhen, Lederjacke, Mütze und schweren Lederstiefeln. „Teilweise herrschten sibirische Temperaturen. Bei bis zu ?18 Grad minus musste ich die Akkus am Körper tragen, um sie zu wärmen“, erinnert sich der 47-Jährige. Die eisige Kälte passte zum Ort seiner Neugier.Schließlich durchstreifte Baschlakow in den folgenden Wochen die leerstehenden Gebäude der einstigen KGB-Zentrale in Berlin-Karlshorst.
Die Häuser, Ende der 30er Jahre als Wehrmachtskasernen gebaut, dienten nach 1945 als Zentrale des russischen Geheimdienstes. In der DDR galt das Gelände als „verbotene Stadt“. Nach dem Abzug der russischen Truppen im Jahr 1994 lag es brach, sozusagen im Dornröschenschlaf. Baschlakow nutzte die letzte Gelegenheit, in den verlassenen Räumen zu fotografieren – Abriss und Umbau waren bereits beschlossene Sache.
Entstanden sind Fotos von eigentümlicher Schönheit. Morbide und gleichzeitig stolz wirken die Motive. Eine Auswahl ist ab Sonnabend in der Ausstellung „KGB Berlin-Karlshorst“ im Schloss Neuhardenberg zu sehen.
Baschlakow verzichtete bei seiner Arbeit auf jegliche Veränderung der Räume oder deren Details. Doch die Wirklichkeit inszenierte sich selbst. Seine Fotos zeigen überraschend bonbonfarbene Wände, Türen ohne Klinken oder abblätternde Farbschichten, unter denen sich neue Einblicke eröffnen. Vom Keller bis zum Dach hat sich der gebürtige Hannoveraner voran getastet, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. „Teilweise war es so dunkel, dass ich die Kamera wie ein Nachtsichtgerät benutzt habe“, sagt Baschlakow. Während seiner Arbeit habe er sich gefragt, „in welches Loch bis du da reingeraten“? Der Ort verfolgte ihn bis in seine Träume. Um darin nicht „verloren“ zu gehen, sicherte er sich bei den Pförtnern ab, „so dass die wussten, wenn ich abends wieder raus war“.
Die Bilder, die nun in Neuhardenberg zu sehen sind, erzählen die Geschichte eines Ortes – vielschichtig wie die fotografierten Gegenstände selbst. Es gibt kein Außen, keine Menschen. Der Sockel der Wände in einer Toilette ist himmelblau, ab der Mitte wechselt die Bemalung in zitronengelb. Die herausgetretene Zwischenwand hängt schief über der Toilette, ihre laminierte Oberfläche changiert lila. Auf einem Bild ist eine Wandnische zu sehen, die zur Hälfte in einem Senf-Ton, zur Hälfte leicht violett glänzt. Die Farben werden durch einen weinroten Streifen voneinander getrennt. Dort, wo die ölige Senffarbe sich in großen Flatschen löst, wird eine neue Schicht – wie wolkenverhangenes Blau – frei. Darunter, sozusagen auf der nächsten Ebene der Wandgeschichte, entdeckt der Betrachter Risse im steinernen Mauerwerk.
Baschlakow, der hauptsächlich als Architekturfotograf arbeitet, hat die Bilder aus der verlassenen KGB-Zentrale nicht nachbearbeitet. Alle Fotos entstanden nur mit dem vorhandenen Licht. Die Farben entsprechen exakt den Originalen – auch wenn einige Räume modern designt wirken. Dass die Stufen im Treppenhaus im Wechsel weiß-terracota abgesetzt sind, hat niemand außer dem Zahn der Zeit bewirkt. „Als ich mit der Arbeit anfing, habe ich mir überlegt, ,wie fotografierst du das’"? so Baschlakow. Er entschied sich für Aufnahmen wie von hochwertiger Architektur, alle mit Stativ, „nicht aus der Hüfte". Das alte Gemäuer hat so seinen letzten großen Auftritt erhalten.
Am Ende kämpfte der Fotograf gegen die Zeit: Die Entkernungstrupps, die den Umbau vorbereiteten, kamen immer näher. Heute, anderthalb Jahre später, ist das Gelände nicht wiederzuerkennen. Gerade entsteht dort der „Wohnpark Karlshorst – anspruchsvoll und hochwertig".
Die Ausstellung „KGB Berlin-Karlshorst“ wird am Sonnabend um 14 Uhr in Anwesenheit von André Baschlakow eröffnet. Sie läuft bis zum 4. November im Schloss Neuhardenberg, Telefon: 33476 600751