Mehr als 250 Intellektuelle, Politiker und Wissenschaftler traf er für diese Gespräche in den 60er- bis 90er-Jahren, darunter viele jüdische Emigranten. Es sind lange Interviews von bis zu einer Stunde Länge, wie sie heute im Radio selten zu hören sind, produziert zumeist für den NDR und den Bayerischen Rundfunk. Von Troschke behielt als freier Autor allerdings die Rechte – die Voraussetzung dafür, dass der Axel-Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Migration und Exil der Viadrina dieses Tonband-Konvolut an Zeitzeugnissen der Öffentlichkeit jetzt zugänglich machen konnte – das digitale Audio-Archiv wurde am Dienstag freigeschaltet. Was aber hat Harald von Troschke (1924–2009) mit der Viadrina zu tun?
"Die Verbindung bin ich", sagt die Historikerin Barbara Picht. Es war 2009, kurz nach Harald von Troschkes Tod, als Picht eine Verwandte, von Troschkes Schwiegertochter, in der damals von Barbara Picht geführten "Literaturhandlung" empfing, einem Berliner Buchladen mit jüdischem Themenschwerpunkt. Die Familie waren auf der Suche nach einem guten Ort für den Interview-Nachlass  – Picht zeigt Fotos von einem ganzen Flur voller Tonbänder. Es traf sich gut: Barbara Picht war begeistert und brachte die Anbindung an die inhaltlich passende Viadrina-Professur mit, wo sie gerade habilitierte. Der Familie war diese fachliche Einbettung wichtig.
Dass ihr Großvater, der Philosoph Georg Picht, zu den Interviewten gehörte –  "das ist Zufall", so Barbara Picht. Vier Jahre dauerte es, bis Familie von Troschke dem Lehrstuhl das Tonbandmaterial in Digitaldateien auf einer Festplatte übergeben konnte. Die vielen Stunden Interviewmaterial mussten durchgehört, mit Inhaltsangaben versehen sowie eine Internetseite gebaut werden. "Wir haben das alles nebenbei gemacht. Wir hatten keine Stelle für das Projekt", betont Professorin Kerstin Schoor. Mit "wir" meint sie die Mitarbeitenden  ihres Lehrstuhls, von denen viele mitgeholfen haben.
Besonders wertvoll für die Recherche sind die Verschlagwortungen der Interviews untereinander: So kann man unkompliziert querhören, etwa was die Holocaust-Überlebende Ruth Elias zum Thema Religion zu sagen hatte, was der Schauspieler Peter Ustinov und was Richard von Weizsäcker. Themen, die von Troschke immer wieder ansprach, waren die NS-Zeit, Antisemitismus, Populismus – dass er dazu als Journalist aus der BRD mit aus Deutschland vertriebenen Juden bei ausgedehnten USA-Reisen das Gespräch suchte, war seine besondere Leistung. Nicht nur seine: Der Journalist wurde bei seiner Arbeit unterstützt von seinen drei Kindern und seiner – inzwischen gestorbenen – Frau. Sie schnitt die Interviews. Zur Feierlichkeit am Dienstag im Logenhaus waren deswegen mehrere Familienmitglieder angereist.
Infos: troschke-archiv.de