Für Amina Gusner ein klarer Fall: Ein radikaler Bruch muss her. Es gibt keine historischen Kostüme, lediglich die Andeutung in Form des Reifes ohne Rock. Keine antiken Möbel oder Stuckelemente erfreuen das Auge beim Blick auf die Bühne. Sie ist schwarz und leer. Lediglich Stehlampen und mit Gaze bespannte und deshalb durchsichtige Flächen grenzen die Spielbereiche voneinander ab. Auf der Gaze werden Briefpassagen eingeblendet, zugleich dienen die Flächen als Orientierung, wo sich die Akteure gerade befinden. Der Clou ist, dass sowohl Johannes Zacher (Bühne) als auch Inken Gusner (Kostüme) mit diesem Sammelsurium den Fokus auf die Schauspieler richten und ihnen den Raum bieten, die Charaktere ihrer Figuren herauszuarbeiten.
Die Regisseurin kann sich auf die inhaltliche Aussage des Stückes konzentrieren. "Gefährliche Liebschaften" ist eben nicht nur eine Episode der französischen Geschichte, sondern auch heute noch aktuell. Nachdem die Marquise de Merteuil (Birge Schade) von ihrem Liebhaber Bastide verlassen wurde, sinnt sie auf Rache. Der Vicomte de Valmont (Oliver Stritzel) soll in ihrem Auftrag die jungfräuliche Braut Bastides, Cécile de Volanges (Alice von Lindenau), noch vor der Hochzeitsnacht verführen. Doch diese Aufgabe ist Valmont zu simpel. Er schlägt der Marquise vor, sollte es ihm außerdem gelingen, die als tugendhaft bekannte Madame de Tourvel (Anne Kessler) zu erobern, würde die Marquise eine Nacht mit ihm verbringen. Und dann ist da noch der Chevalier Danceny (Tim Mackenbrock), Hauslehrer und verliebt in Cécile. Die Handlung übersetzt: Da ist eine gelangweilte Lebedame, die den Gigolo für ihre Rache benutzt. Er soll die unerfahrene jugendliche Freundin ihres Ex verführen. Doch in die ist der verklemmte Intellektuelle verliebt. Der Playboy ist eigentlich in die Lebedame verliebt (wie sie auch in ihn) und schlägt ihr vor, eine treue und biedere Ehefrau zu verführen, um die Lebedame für sich zu gewinnen.
Das Verwirrspiel der Gefühle kann beginnen - und die Akteure stellen das innerste Seelenleben ihrer Figuren bloß. Als sich Cécile dem Chevalier Danceny nähert, bringt der keinen zusammenhängenden Satz mehr heraus. Auch das Zwiegespräch der tugendhaften Madame de Tourvel mit ihrer nicht anwesenden Mutter, in der sie dieser ihre Liebe zum Vicomte gesteht, verdient Szenenapplaus. Es sind grandiose Charakterstudien zu sehen, die dem Zuschauer keine Zeit lassen, sich zurückzulehnen. Er ist bei den Figuren, folgt ihrem Spiel. Die Aussage ist klar: Liebe ist eben doch kein Spiel. Das müssen auch die Marquise und der Vicomte feststellen. Denn obwohl sie ihre Rache bekommen und er seine Wette gewonnen hat, sind sie am Ende die wahren Verlierer.
Wer beim Besuch der "Gefährlichen Liebschaften" weder auf ein Kostümstück noch auf einen Abklatsch des Hollywood-Klassikers hofft, wird von der Aufführung von Anfang an begeistert sein. Alle anderen werden die Zeit bis zur Pause brauchen, um sich mit der Umsetzung des Inhaltes anzufreunden - dann aber ebenso gut unterhalten werden.
Vorführungen: bis 6.7., Komödie am Kurfürstendamm 206-209, Berlin-Charlottenburg, Kartentelefon 030 88591188