"Befüll den Freiraum wie du willst", fordert die knapp bedruckte Werbekarte für die jüngste Inszenierung von Jo Fabian am Staatstheater Cottbus. Nett klingt das, fast höflich. Ein bisschen so, als wolle der Schreiber uns Mut machen, all die Vorgaben, Regeln, Erwartungen und Deutungsmuster, die normalerweise in unserem Kopf herumspuken, einfach mal außer Acht zu lassen.
Einen Freiraum befüllen – so lässt sich vielleicht auch der Arbeitsprozess zu Fabians theatralem Konzert "Nirvana" beschreiben. Ein Experiment, in dessen Verlauf die 2018 am Theater gegründete Schauspieler-Band versucht hat, sich einen "utopischen Arbeits- und Lebensraum" zu erschaffen – um ihn am Ende mit dem Publikum zu teilen.
Im 25. Jahr, nachdemGrunge-Ikone Kurt Cobain sich mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen hat, steht der Name seiner Band nun also über einem Theaterabend, der den Freigeist feiert: Und das so frisch, intelligent, verschroben, hintersinnig, albern, melancholisch und verspielt, dass die Vorstellungen in der Kammerbühne seit der Premiere im März fast durchweg ausverkauft sind.
Vielleicht auch weil im Rahmen, den Fabian natürlich setzt, dennoch fast alles möglich scheint. Neu denken, umdenken: "2+2=grün" – so geht hier Mathematik. Und "Falsch", postuliert der Programmzettel, gibt es nicht.
Drei Schauspielerinnen, drei Schauspieler, darunter auch der Regisseur und Schauspieldirektor selbst: Zwischen den Bühnenpodesten, zwei Sesseln, einer Garderobe mit Kostümen und einer Art "Backstage"-Bar, von der sich alle zwischendurch mit Kaffee und  Keksen versorgen, hauen sie sich Textfragmente um die Ohren – von "Wir müssen uns erst auflösen, um uns zusammensetzen zu können" über "Kritik ist hier überflüssig" und "Täglich grüßt die Zukunft" bis zu "Die Milch ist alle". Dazu gibt es – natürlich – jede Menge Musik, neben Songs von Tom Waits, The Doors, Nick Cave und Nirvana immer wieder auch eigene Kompositionen der Darsteller, eine Vertonung von Rainer Maria Rilkes "Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort" zum Beispiel.
Im Video, das rechts außen über eine Leinwand flimmert, sieht man parallel dazu mal Cobain sprechen, mal, wie ein Schaf geschlachtet und ausgenommen wird. Alle 15 Minuten ertönt zudem ein Warnsignal: Der immer wieder neu zu programmierende "Code Nirvana" teilt den Abend in kleine Aufmerksamkeitshappen ein.
Man kann sich festsehen und -hören an all dem, vor allem an der Frauenriege mit Josephin Fabian, Lisa Schützenberger und Lucie Thiede, die die Verbindung zu den Zuschauern nie abreißen lassen. Sie alle bringen an diesem Abend in den besten Momenten den Rock und das Theater auf einen gemeinsamen Nenner. Denn nicht nur der Freigeist ist es, der beide Künste eint, es sind auch die Utopien: Wo stehen wir? Wohin gehen wir? Was könnte anders laufen und wie?
"Wie ich starb, bevor ich glücklich wurde" heißt das letzte Kapitel vor der Pause, bevor Nirvanas Megahit "Nevermind" erklingt. Anschließend erbitten sich die Schauspieler augenzwinkernd und mit viel Körpereinsatz nur 47 Sekunden Applaus. Eigentlich unmöglich.

Programm


Die nächste Vorstellung am 4.7. ist ausverkauft; weitere Aufführungen nach der Sommerpause, Staatstheater Cottbus, Kammerbühne, Wernerstr. 60, Cottbus, Kartentel. 0355 7824-242; www.staatstheater-cottbus.de