Die Resozialisierungsmaßnahme trug Früchte. Aus dem Erfurter Sprayer ist ein professioneller Künstler geworden mit Hochschulstudium und Meisterkurs, mit Studienaufenthalten in New York, Jakarta und Wien. Eine Auswahl seiner knalligen Werke wird ab Sonntag im Frankfurter Packhof des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst gezeigt. Der wenig ermunternde Titel dieser Schau heißt "Das war die Zukunft".
Ausgestellt ist unter anderem eine Art Horrortraum als Wimmelbild. Es heißt "Björning Down The House" (2016). Was sich mit "ein Haus niederbjörnen" übersetzen ließe. Was von Björn Höcke kommt, dem übel herumkübelnden AfD-Fraktionschef Thüringens. Im Januar 2016 postete die Redaktion der Satire-Sendung "extra 3" über Facebook, Höcke hetze "schneller als sein Schatten. Und in Sachsen spricht man beim Abfackeln einer Flüchtlingsunterkunft schon von Björning Down The House". Das als Hintergrund-Info zum Bild, auf dem Zähne gefletscht werden und giftig-bunte Farbe gesabbert wird, auf dem ein abgerissener Kopf herumliegt und ein Wolf mit aufgerissenem Maul hinter menschlichen Maulhelden herumschleicht. Man müsste sich mit den Augen an dem Bild festsaugen, um das unappetitliche Gewusel im Detail zu erfassen. Aber man hält es nicht aus. Die Farben beißen in die Pupillen, die Aggressivität dieses Werkes ist dem Gemüt auch nicht zuträglich. Jung sagt, mit solchen Arbeiten wolle er testen, was dem Publikum zugemutet werden kann.
Er dreht dieses Experiment in "Pegida Pädagogen" noch weiter. In dessen Bildhintergrund knallt ein großflächiges Neon-Orange auf ein noch großflächigeres Neon-Pink. Eine Kombination, die Kopfschmerzen verursacht. Geboren ist es aus Jungs Hassliebe zur Allgegenwart der Neon-Töne. "Eine Sache, die ich richtig Scheiße finde", sagt der 32-Jährige, der zurzeit zwischen Erfurt und Berlin pendelt. Andererseits benutzt er diese Farben, weil ihm die normale Palette nicht genügt. Er will, dass seine Bilder kreischen.
"Pegida Pädagogen" fragt, ob die, die vorgeben, die Hüter des Abendlandes zu sein, nicht gefährlicher sind als jene, vor denen sie meinen, uns schützen zu müssen. Es sind die in Schlagworten geborenen Ansichten, vor denen dieses Bild warnt, durch das eine verbogene Bombe fliegt, auf der "Gaensehaut" steht, und auf der ein als Teddybär verkleideter Schlagetot mit einer anderen hantiert, auf der in Spiegelschrift "Goose Bombs" geschrieben steht. Eine Sprachspielerei. Müsste man eigentlich mit Gänse-Bomben übersetzen, klingt aber wie das Englische goose bumps, wie "Gänsehaut" also.
Jung sagt, früher hätte er noch mehr mit Sprache experimentiert, was man in der Ausstellung sieht. Auf einigen der etwas älteren Arbeiten haken sich krakelige Buchstaben, Wörter und Sätze neben Jungs Horrorgestalten fest. Warum eigentlich immer diese abgerissenen Köpfe, die blutenden Augen oder diese Anmutung von frisch gehäutet wie in "Bacon and Eggx" (2016)? Jung sagt, das sei sein Echo auf eine Welt, die sich selbst immer kaputter mache. Vielleicht sei das auch seine Art, das eigene Aggressionspotential auszuleben.
In der Turnhalle kann er das nicht mehr. Jung war mal aktiver Ringer, hat mit 18 in der zweiten Bundesliga gekämpft. Das ist vorbei, sagt er. Hat er aufgegeben. Ringen sei sowieso ein sterbender Sport. Jetzt greift er leere Leinwände an. Unter anderem mit Sprühdosen. Er benutzt sie neben klassischem Malmaterial für Hintergründe, Effekte und um seine Neon-Hassliebe auszuleben. Aber nur weil er zur Dose greift, seien seine Bilder keine Graffiti. Der Unterschied liegt für ihn im Ort. Ein Graffito klebt irgendwo auf einer Wand. Kunst hängt im Museum. Im Frankfurter Packhof zum Beispiel.
Eröffnung: Sonntag, 11 Uhr, dann bis 24.9., Di-So 11-17 Uhr, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Packhof, C.-Ph.-E.- Bach-Str. 11, Frankfurt (Oder), Tel. 0335 401560