Es ist die Geschichte einer unerfüllten Liebe im strengen Preußen. Am Sonnabend vor 90 Jahren hatte das Internatsdrama „Mädchen in Uniform“ von Leontine Sagan Premiere. Darin verliebt sich die 14-jährige Halbwaise Manuela von Meinhardis in ihre Erzieherin Fräulein von Bernburg. Der frühe Tonfilm übt deutlich Kritik an „deutscher Zucht und Ordnung“. Thomas Manns Tochter Erika Mann wirkte in einer Nebenrolle als Lehrerin Fräulein von Attems mit. In der Kinogeschichte gilt Sagans Werk als erster reiner Frauenfilm und als erster Film über lesbische Liebe.

Schon Siegfried Kracauer schrieb über den Film

„Sein Thema: die Erziehungsmethoden in einem Stift für adlige Mädchen, die ,Soldatenkinder‘ sind und wieder ,Soldatenmütter‘ werden sollen“, fasste der Soziologe und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer kurz nach der Uraufführung zusammen.
Die gefühllose Oberin („Wir Preußen haben uns großgehungert“) führt das Mädcheninternat mit militärischem Drill, lässt Briefe kontrollieren und droht gerne damit, den Ausgang aus der Erziehungsanstalt zu verbieten.

Später spielte Romy Schneider die Schülerin

Viele kennen den in Potsdam spielenden Stoff aus der Verfilmung des ungarischen Regisseurs Géza von Radványi. In dessen Version von 1958 spielt Romy Schneider die Schülerin und Lili Palmer die angehimmelte Lehrerin. Während diese beiden Schauspielerinnen 24 Jahre Altersunterschied hatten, waren die Hauptdarstellerinnen des Jahres 1931 – Hertha Thiele und Dorothea Wieck – derselbe Jahrgang. Wieck kam 1908 nur vier Monate früher als Thiele zur Welt.
Im Vergleich hinterlässt dennoch das im Sommer 1931 in Potsdam gedrehte Werk einen bleibenderen Eindruck als der Film von 1958. Das Original wirkt mutiger, verhandelt Frauenliebe offener als das 50er-Jahre-Remake. Es gibt sogar eine schüchterne Kuss-Szene.

„Du darfst mich nicht ,so‘ lieb haben.“

Ein Satz, den die verständnisvolle Erzieherin der schwärmenden Schülerin sagt, lautet aber auch: „Du darfst mich nicht ,so‘ lieb haben.“ Zur strengen Direktorin sagt die Lehrerin: „Was Sie Sünde nennen, das nenne ich den großen Geist der Liebe, der tausend Formen hat.“ Außerdem: „Ich kann es nicht mehr mitansehen, wie Sie aus diesen Kindern verängstigte, hilflose Geschöpfe machen.“
„Eine der vorzüglichsten Leistungen des frühen deutschen Tonfilms und zugleich ein seltenes Beispiel für weibliche Filmregie: feinfühlig psychologisiert, aufrichtig gespielt, präzis in der Milieuzeichnung“, analysierte einst das „Lexikon des internationalen Films“.

Verarbeitung von Jugendjahren im Kaiserin-Augusta-Stift in Potsdam

Die in Budapest geborene Regisseurin Sagan (1889–1974) arbeitete eng mit der Autorin des Stoffes, Christa Winsloe (1889–1944), zusammen. Der Film beruht auf deren Theaterstück „Ritter Nérestan“ von 1930 (später mit dem Titel „Gestern und heute“ aufgeführt). Winsloe arbeitete darin ihre albtraumhaften, von militärischem Drill und strengen Regeln geprägten Jugendjahre als Zögling im Kaiserin-Augusta-Stift in Potsdam literarisch auf.
Im Film sind feine Dialoge und Details zu entdecken. So wird die von ihrer strengen Tante („Mache deinem Vater keine Schande“) ins Internat gebrachte Offizierstochter Manuela gleich von Mitschülerin Inge vor dem begehrenswerten und auch geheimnisvollen Fräulein von Bernburg und deren Charme gewarnt: „Na, da verliebe dich mal nicht.“

Auf das Geständnis folgt der Eklat

Eine Mitschülerin hat im Schrank heimlich Bilder von Kinostar Hans Albers hängen („Wie nennt man denn das, was die Leute beim Film alle haben?“, „Sex-Appeal, nich?“). Als die Oberin mal wieder eine Ansprache hält, flüstern die Mädchen: „Stellt sie euch bloß mal nackt vor.“
Als Manuela nach einer Schultheateraufführung von Friedrich Schillers „Don Karlos“ – beschwingt vom Erfolg und von heimlich gepanschter Bowle – vor fast der gesamten Schule gesteht, Fräulein von Bernburg zu lieben, kommt es zum Eklat. Das Mädchen soll isoliert werden, und die Oberin macht Frau von Bernburg für das Geschehen verantwortlich. Verzweifelt versucht Manuela, sich im hohen Treppenhaus das Leben zu nehmen. Ihre Mitschülerinnen wenden den Sprung im letzten Moment ab. „Die Kinder haben ein Unglück verhindert, an dem wir beide unser Leben lang getragen hätten“, sagt von Bernburg.

Weltweiter Erfolg, auch in den USA

Das Jugenddrama „Mädchen in Uniform“ wurde im Sommer 1931 in der Innenstadt von Potsdam gedreht, darunter im Kaiserin-Augusta-Stift. Kulisse für Teile des Filmes war auch das Große Militärwaisenhaus: Im Treppenhaus entstand die Szene des Selbstmordversuchs der Manuela.
Für die Zeit ungewöhnlich ist die ausschließlich weibliche Besetzung des Spielfilmes und die Zusammenarbeit von zwei Frauen in den Schlüsselfunktionen Regie (Leontine Sagan) und Drehbuch (Christa Winsloe).
Der Film wurde ein weltweiter Erfolg, darunter auch in den USA. Innerhalb weniger Monate spielte er sechs Millionen Reichsmark ein – bei Produktionskosten von 55.000 Reichsmark. Während der Nazizeit war „Mädchen in Uniform“ verboten. In der BRD wurde der Film erst wieder ab 1977 offiziell gezeigt.
Als erster schwuler Film der Kinogeschichte gilt „Anders als die Andern §175“ von 1919, ebenfalls ein deutsches Werk (Drehbuch: Richard Oswald und Magnus Hirschfeld).