„Miss you“: so lautet der Titel einer Fotoausstellung, die im März auf den Straßen Berlins zu sehen ist. Der Titel: ein kurzer, englischer Satz, der im Alltagsgebrauch eine doppelte Bedeutung habe, wie Initiatorin Susanne Rockweiler erklärt. Einerseits heiße er „Du fehlst mir!“; anderseits drücke er auch aus: „Ich freue mich schon auf das Wiedersehen!“ Merle Hilbk sprach mit der ehemaligen Co-Direktorin des Martin-Gropius-Bau über die Idee zu der Ausstellung, die Fotografen und die Kunstszene im Lockdown.

Frau Rockweiler, „Miss you“ ist eine neue Form von Ausstellung im öffentlichen Raum, die es ohne Corona so wahrscheinlich nicht gegeben hätte…

Ja, die Idee ist aus der Trauer über die monatelang geschlossenen Kultureinrichtungen entstanden. Ich habe für große Museen gearbeitet und kenne daher viele Künstler, die jetzt zu Hause sitzen und sich besorgt fragen, wie es weitergeht. Wenn ich die Zeitung aufgeschlagen habe, wurde mir bewusst, wie sehr sich dieses Land gerade verändert. Ich bin der Überzeugung, dass die Gesellschaft ohne Kultur verkümmert. Und so habe ich mit meinem Partner Jürgen Reiche dieses Projekt gestartet, mit dem wir Künstlerinnen und Künstler, die wegen des Lockdown aus der Öffentlichkeit verschwunden sind, wieder sichtbar machen wollen.

Wer hat die Fotos gemacht, und was genau ist darauf zu sehen?

Jürgen Reiche hat vorgeschlagen, bei der Agentur Ostkreuz anzufragen. Unter deren Dach sind bekannte Fotografen vereint, die alle eine eigene, individuelle Bildsprache haben. Wir haben uns zuerst mit Sibylle Fendt und Sebastian Wells getroffen und über das Konzept gesprochen. Das sah so aus, dass wir bekannte und noch weniger bekannte Künstler und Künstlerinnen aller Gattungen an Orten fernab des Publikums porträtieren wollten: in ihren Studios, in Wohnzimmern, draußen. Außerdem wollten wir die Mitarbeiter zeigen, die zum Teil hinter deren Kunst stehen: die Bühnentechniker, Grafiker, Kostümmeister.

Auch Harald Hauswald ist dabei

Eine Benefizaktion?

Nein, das waren bezahlte Aufträge für die Fotografen. 18 Mitglieder von Ostkreuz haben sich schließlich beteiligt, ältere wie Harald Hauswald, Espen Eichhöfer und Annette Hauschild – und junge Kollegen wie eben Sebastian Wells, der durch seine Sportfotos bekannt geworden ist. Und man muss auch die Siemens Art Foundation erwähnen. Deren Leiter, der selbst Musiker war, hat die Idee sofort verstanden, und ich wurde dann mit der Idee in der Wirtschaft weitergereicht. Ohne deren Unterstützung wäre so ein großes Projekt gar nicht möglich gewesen.

Wie haben Sie die Porträtierten ausgewählt?

Jürgen Reiche und ich haben eine Liste gemacht mit Künstlern, die wir gerne dabeihaben wollten. Die anderen haben die Fotografen vorgeschlagen, und wir haben dann gemeinsam die Mischung abgestimmt. Dabei habe ich viele Künstler kennen gelernt, die ich zuvor noch nicht kannte. Zum Beispiel Landerer & Company, eine international ausgezeichnete Tanzcompagnie aus Hannover; oder die Tänzerin Johanna Lemke, die dreifache Mutter ist und sich für die Interessen von Müttern in der Kunst einsetzt. Von Künstlerinnen wird immer noch erwartet, dass sie jederzeit verfügbar sind, da ist so ein Engagement mutig.

Katharina Thalbach in der Badewanne

Wie wurden die Künstler in Szene gesetzt?

Die Ostkreuz-Fotografen und – Fotografinnen haben ein Vorgespräch geführt und sich dann mit ihnen an einem Ort verabredet, der passend schien – in dem Sinne, dass er mit der aktuellen Situation und Stimmung zu tun hat. Maurice Weiss beispielsweise hat Katharina Thalbach in einer Badewanne auf eine Wiese fotografiert. Harald Hauswald hat den Keyboarder Flake von Rammstein einen graffitibesprühten Treppenabgang hinunter laufen lassen, und Thomas Meyer hat die Solo-Oboistin der Berliner Philharmoniker, Christina Gómez Godoy, allein in einem leeren Zuschauersaal gesetzt. Und Annette Hauschild hat die Tänzerin Oxana Chi auf der Bühne abgelichtet, während eines Live-Streams im leeren Theater.

Wie viele Künstler wurden fotografiert?

Insgesamt sind 52 Porträtserien entstanden, die das ausstrahlen, was uns im Moment am meisten abgeht: Wärme und Emotionalität.

Wann, wo und wie werden die Bilder ausgestellt?

Die Ausstellung läuft vom 2. bis 16. März zeitgleich in drei Städten: Berlin, Hamburg und Baden-Baden. In Berlin werden insgesamt 700 Bilder mit 43 der 52 Porträt-Serien zu sehen sein. Für Hamburg und Baden-Baden haben wir eine andere Auswahl getroffen, weil dort natürlich mehr Künstler aus der Region zu sehen sein sollen. Präsentiert werden die Bilder in großen, hinterleuchteten Vitrinen der Firma Wall, in denen sonst meist Werbung hängt. Die genauen Standorte stehen noch nicht fest, aber der Überraschungseffekt ist Teil des Ausstellungskonzeptes. Die Leute sollen während des Lockdown durch die Stadt spazieren und die Stadt auf der Suche nach den Bildern neu entdecken.

Hoffnung auf Kraftübertragung

Kann man bei den einzeln präsentierten Bildern überhaupt von einer Ausstellung sprechen?

Die Schwierigkeit war tatsächlich, auch optisch einen Zusammenhang herzustellen. Alles, was sonst mit Tafeln oder Beschriftungen zur Erklärung in Ausstellungsräumen zu finden ist, fällt ja weg. Deswegen mussten die wesentlichen Infos direkt auf den Bildern stehen – ohne dass sie vom Bildinhalt ablenken.

Worauf freuen Sie sich am meisten bei der Ausstellung?

Ich freue mich, Künstler und Künstlerinnen trotz Corona nicht in ihrer Tristesse, sondern in ihrer Kraft zu sehen – und hoffe, dass sich diese Kraft überträgt. Eine Kraftübertragung, die der beste Beweis dafür ist, dass Kunst und Kultur systemrelevant sind.

Die Ostkreuz-Fotografen der Ausstellung


Jörg Brüggemann, Espen Eichhöfer, Sibylle Fendt, Johanna-Maria Fritz, Annette Hauschild, Harald Hauswald, Heinrich Holtgreve, Tobias Kruse Thomas Meyer, Jordis Antonia Schlösser, Frank Schinski, Ina Schoenenburg, Anne Schönharting, Stephanie Steinkopf, Mila Teshaieva, Heinrich Völkel, Maurice Weiss, Sebastian Wells.