Mag bei diesen Schilderungen auch ein Stück Verklärung mitschwingen, die den "Mythos Lenin" weiter befördern sollte, so ist in den Berichten der Zeitzeugen doch immer wieder von seiner volksnahen Art zu lesen und seiner Suggestivkraft. "Seine Rede erzeugte stets ein fast physisches Empfinden unwiderleglicher Wahrheit", schrieb sein Kampfgefährte, der Schriftsteller Maxim Gorki. Keine Frage: Lenin war ein Menschenfänger. Bis heute scheiden sich an diesem Revolutionär die Geister. Noch 1994 schrieb der russische Historiker Dimitri Wolkogonow: "Es ist gut möglich, dass wir auf Lenin als historische Persönlichkeit erst im nächsten Jahrhundert völlig gelassen zurückblicken können. Zurzeit ist Lenin in Russland jedoch noch lebendig und ruft bei den Menschen blinde Ergebenheit, Hass oder – in jüngster Zeit – einfach nur Gleichgültigkeit hervor."
Das "nächste Jahrhundert" ist mittlerweile angebrochen. Wenn sich heute Lenins Geburtstag zum 150. Mal jährt, kann jeder für sich prüfen, ob er gelassen auf diesen Mann blicken kann. Eine "Kolossalfigur" nannte der Philosoph Karl Kautsky ihn. Er sei "ein Mann von zähester, unbeugsamster und kühnster Willenskraft" gewesen. Der Schriftsteller Thomas Mann beschrieb ihn als "Mensch-Regent neuen, demokratisch-gigantischen Stils". Andere verdammten ihn, weil er mit seinem Konzept der Kaderparteien den Weg in den Totalitarismus bereitete. Alexander Jakowlew, der im Stab von Michael Gorbatschow saß, nannte Lenin einen "Paranoiker und Verbrecher" und stellte ihn als "Berufsmörder" auf eine Stufe mit Hitler und Stalin.
Geboren am 22. April 1870 im zaristischen Simbirsk als Sohn eines Lehrers und einer deutschstämmigen Mutter, soll er schon als Kind "lärmende Spiele" geliebt haben. Spielsachen faszinierten ihn weniger. "Meist zerbrach er sie", berichtete seine ältere Schwester Anna. Erst als sein Bruder Alexander 1887 gehängt wird, weil er ein Attentat auf den Zaren geplant haben soll, fängt Wladimir Iljitsch Uljanow an – den Namen Lenin gibt er sich erst ab 1900, als seine Schrift "Was tun?" erscheint –, sich für die revolutionäre Sache zu interessieren. Das Studium in Kasan muss er aufgeben, weil er an einer Studentenkundgebung teilgenommen hat. Er muss in Verbannung und kann erst 1900 in St. Petersburg den Jura-Abschluss ablegen.
Dort arbeitet er zuvor schon als Rechtsanwaltsgehilfe, während er im Untergrund für die Sozialdemokratie agitiert. In Werken wie "Materialismus und Empiriokritizismus" (1909) und  "Staat und Revolution" (1917) formuliert er seine Ideen, die auf den Lehren von Karl Marx aufbauen und die Weltrevolution anstreben. Mehrmals muss er in Haft und in Verbannung, seine Ehefrau Nadeschda Krupskaja folgt ihm. Von der Geheimpolizei wird er überwacht. Im Jahre 1900 emigriert er, lebt unter dem Namen "Meyer" in München, später in London, Genf, Paris, Krakau, Bern. Quer durch Europa reist er wie ein Getriebener. Die Partei sieht er als Vorhut des Proletariats. Sie soll die Revolution vorbereiten und leiten. Die Funktionäre begreift er als Berufsrevolutionäre, die den Weg zu der demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern ebnen sollen.
Seit 1903 ist er das Haupt der Bolschewiki. Als Großfürst Wladimir in St. Petersburg am 22. Januar 1905 auf Demonstranten vor dem Winterpalais schießen lässt, sieht Lenin das als Anfang der Revolution. Er fordert "Gewalt gegen Gewalt". Wenn es der Sache dient, billigt er fast alles. Auch zwielichtige Methoden wie Überfälle auf Banken und Geldtransporte, um die Kassen der Aufständischen aufzubessern. Doch die Revolution scheitert. Lenin flieht nach Finnland. Seine Odyssee durch Europa setzt sich fort.
Begründer der Sowjetunion
Erst als 1917 die Februarrevolution ausbricht, kehrt er zurück nach Russland. In einem verplombten Waggon reist er durch Deutschland. Ohne Rücksicht auf Verluste propagiert er vor der Oktoberrevolution den bewaffneten Aufstand. Mit Erfolg. Am 8. November 1917 wird Lenin zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare gewählt und bringt die Sowjetunion auf den Weg. Er lässt andere Parteien verbieten und gründet 1919 die Kommunistische Internationale.
Immer mehr stellt Lenin die idealistischen Ziele hinter den Machterhalt zurück. Die Demokratie in der KP wird mehr und mehr beschnitten. Die Bürokratie des Apparates lähmt das Vorankommen. In seinem "Brief an den Parteitag", der als sein politisches Testament gilt, mahnt Lenin das an. Er erkennt den Irrweg. Aber es ist zu spät. Seine Bedenken gegen Stalin kann er noch äußern, ihm Paroli bieten nach mehreren Schlaganfällen nicht mehr. 1924 stirbt Lenin. Obwohl er den Personenkult verabscheute, wird sein Leichnam einbalsamiert und in Moskau in einem Mausoleum aufgebahrt.

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