Die knuffige rote Kaffeekanne mit dem grinsenden Kussmündchen war im Westen so bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Sie warb für „Kaisers Kaffeegeschäft“, natürlich auch auf Plastiktüten. Das Geschäft gibt es nicht mehr, die Tüten auch nicht, ­ aber geliebt und benutzt werden die Tragetaschen immer noch. Denen setzt nun ein amüsantes Bilderbuch ein Denkmal, in dem auch der Berliner Bär noch einmal tanzen lernt.
Der ziemlich dünne, schwarzweiße Teddy schwang die Pfoten für 750 Jahre Berlin und die (Friedens-)Tauben tanzten gleich mit. So warb die Hauptstadt der DDR 1987 fürs Stadtjubiläum; in Berlin-West hockte ein dicker Plüschbär auf der Schulter einer Blondine. Beide Motive gab es natürlich auch zum Rumtragen; Plastebeutel waren in der DDR so beliebt wie schwer zu bekommen.

Knallersprüche gab es lange vor „Geiz ist geil“

Auch von solchen Unterschieden erzählen Frank Lang und Christina Thomson in ihrer „Deutschen Alltags- und Konsumgeschichte“. Wirtschaftswunder, Supermärkte, Plastiktüten. Damit begann es in Westdeutschland und da halfen die Läden ihren Kunden nicht nur, die Waren nach Hause zu bringen, sie machten sie auch gleich zu Werbeträgern. Ein Jung-Siegfried bietet da eine Eistüte an, Ochse Axel schleppt die Kanne herbei, in die man damals noch frische Milch füllte. Beliebt war auch grinsendes Obst, das Frische signalisieren sollte. Und Knallersprüche gab es lange vor „Geiz ist geil“.
„Nur“ für ’Guten Einkauf‘ warb dagegen die BHG (Bäuerliche Handelsgenossenschaft), noch schlichter Centrum ’Für Ihren Einkauf‘. Plastebeutel gab es in der DDR seit den 1960er-Jahren, in kleineren Auflagen und nicht zum Nulltarif. „Plaste und Elaste aus Schkopau“ kam ebenso zum Tragen wie „Pumpen und Verdichter“ oder „30 Jahre Nationale Volksarmee“. Wie begehrt die Einkaufshilfen waren, zeigt eine abgeliebte Matroschka-Tüte, wieder und wieder gefaltet.

Künstler oder Gestalter?

Optisch auffällig ist, dass in der DDR Grafikkünstler die Beutel gestalteten: Da stimmen Linien und Proportionen, Farben und Formen. Auf das Wesentliche konzentriert, wirken ihre Entwürfe edler. In der BRD dagegen waren Werbegrafiker tätig, die auf Effekte setzten, schließlich sollte das Logo vor allem locken. So warb eine Lampenfirma mit dem funkelnagelneuen Münchner Olympia-Gelände, kickte ein futuristisch hingetuschter Stürmer für die Fußball-WM 1974. Für die „Weltfestspiele der Jugend“ in der DDR ein Jahr zuvor traten dagegen sechs Globen an.
Rationelle Hilfe verspricht VVB Verpackung aus Leipzig.
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© Foto: Prestel Verlag/Sammlung Dieter Luchs
All das erläutern die Autoren in informativen Texten und gescheiten Bilderläuterungen. Aber auch nur zum Blättern ist das Buch ein Augenschmaus, für das sie aus privaten Tüten-Sammlungen schöpfen konnten. Bald zeigte man im Westen gern, wo man es sich leisten konnte, einzukaufen: ­ bissiges Krokodil oder edle Highheels zierten die Tüten. Dazu kamen eher putzige Werbe-Promis, schiefe Kopien von Warhol-Portraits, ziemlich skurrile Werbe-Figuren. Da hatten freundlich grüßende Pfannkuchen und „echt billig“-Aufdrucke längst ausgedient.

2019 hieß es „Tschüss“ für die Tüte

Das Schicksal sollten auch die Plastiktüten teilen, rief das Umweltministerium 2019 doch „Und tschüss!“. Sogar mit den verdammenswerten Beuteln (immerhin Mehrweg) warb man für deren Abschaffung: Darauf freuen sich Otter und Frosch am sauberen, plastikfreien See. Die griffige Parole „Jute statt Plastik“ dagegen prangte auf textilem Untergrund. Seit 2022 verboten (zumindest als Einweg), sind sie immer noch allgegenwärtig. Schließlich kam schon für Obelix „was anderes gar nicht in die Tüte!“