Agata (11) und Denise (10) hüpfen nervös von einem Bein aufs andere. Die beiden Mädchen hat das Lampenfieber gepackt, gleich geht es auf die große Bühne. Wochenlang haben sie unermüdlich geprobt, für ihren großen gemeinsamen Auftritt deutsche und polnische Lieder-Texte gelernt. Und das, obwohl beide Mädchen rund 150 Kilometer voneinander entfernt wohnen und sie zudem eine Grenze trennt.
Denise geht auf die Rolf-Zuckowski-Grundschule in Lindenberg (Oder-Spree), Agata besucht die Grundschule im polnischen Cigacice. Gestern ist es um 15 Uhr endlich so weit: Die Schülerinnen treten mit dem gemeinsamen Chor der zwei Schulen „Cili und Lici“ beim deutsch-polnischen Begegnungskonzert mit dem Liedermacher Rolf Zuckowski auf der Burg Beeskow auf. Das Motto des Nachmittags: „Europa Kinderland“.
„Ich schaff‘ das schon“, lacht Denise zuversichtlich, und Agata nickt zustimmend. „Ich schaff‘ das schon“, heißt auch ein Lied von Rolf Zuckowski, das die Mädchen zusammen mit den anderen 44 Chor-Mitgliedern auf Deutsch und Polnisch singen werden. „Und es ist zudem das Motto unserer Schule“, erzählt die Schulleiterin Anne-Katrin Claus. Zusammen mit dem bekannten Hamburger Komponisten und Autor von Kinderliedern hat sie es geschafft, ein zweistündiges Konzert mit anderen Chören aus Angermünde, Bad Muskau sowie aus den polnischen Städten Szeczin, Zary und Katowice zu organisieren.
„Rund 100 Kinder singen bei dem Begegnungskonzert mit und lernen sich so über die Grenze hinaus über die Musik ganz ungezwungen näher kennen“, freut sich die engagierte Schulleiterin, die schon seit Jahren ein großer Fan des 64-jährigen Musikers ist, der unter anderem für Peter Maffay das Album Tabaluga entwarf.
Als es im Jahr 2004 um die Namensgebung ihrer Schule ging, schaffte Anne-Katrin Claus es, Zuckowski dafür zu gewinnen. Der Künstler fühlte sich „sehr geehrt“, sagte zu und kam zum Schulkonzert. „Nachdem er die Kinder aus Cigacice und aus Lindenberg singen gehört hatte, gab er den Anstoß für einen gemeinsamen Chor“, erinnert sich Anne-Katrin Claus. Seitdem unterstützt Zuckowski den gemeinsamen Schulchor auch finanziell und organisiert Auftritte.
„Am Anfang haben wir uns nur mit Händen und Füßen verständlich gemacht. Aber mittlerweile haben die deutschen Kinder etwas Polnisch und die polnischen Kinder etwas Deutsch gelernt. Und es sind auf vielen gemeinsamen Proben, Konzerten und Ausflügen richtige Freundschaften entstanden“, freut sich die Lindenberger Schulleiterin. Das kann auch die Musik-Lehrerin aus der Grundschule in Cigacice, Iwona Pierzchlewska, bestätigen: „Die Kinder sind neugierig aufeinander, fragen uns ständig nach Vokabeln.“
Die Erfolgsstory des deutsch-polnischen Chores freut auch Rolf Zuckowski selbst. Schon vor Jahren war ein polnischer Chor aus Katowice auf den Sänger zugekommen und hatte ihn mit polnischen Übersetzungen seiner Lieder überrascht. „Ich habe mich sehr darüber gefreut, auch darüber, wie toll es klingt“, erinnert er sich.
Er lud den Chor, der auch gestern in Beeskow mitwirkte, nach Recklinghausen zum Konzert ein, fuhr zu ihnen nach Katowice. Mittlerweile gibt es einige CDs des Liedermachers sogar in Polen zu kaufen.
Zuckowski, dessen Großvater 1904 aus dem polnischen Danzig nach Hamburg gekommen war, spricht selber kaum Polnisch. Die Kommunikation auf der Bühne klappt aber trotzdem. „Ich habe die allerwichtigsten Höflichkeitswörter gelernt und bediene mich der Zeichensprache“, sagt der Sänger lachend. Er findet es faszinierend, welche Kraft die Musik hat. „Die Geschichte fängt jeden Tag neu an“, fügt er hinzu. „Wenn Kinder heute lernen, dass man mit dem anderen Kontakt aufnehmen, gemeinsam etwas erleben kann, auch wenn man die Sprache nicht spricht, ist es ein Schritt nach vorne. Ost und West sind dann nur noch geographische Begriffe.“ Um die zweisprachigen Kontakte weiter zu fördern, hat Zuckowskis Stiftung „Kinder brauchen Musik“ jetzt Grundschulklassen in Brandenburg und Sachsen zur Bewerbung für das Begegnungsprojekt „Klassenreise zur Musik“ aufgerufen.
Mittlerweile haben Agata und Denise ihr Bühnenoutfit, gelbe und orange T-Shirts mit dem Schulchor-Logo, angezogen. „Ich schaff‘ das schon“ murmelt Denise leise, bevor es dann endlich auf die große Bühne im Burghof der Burg Beeskow geht.