Eine Frau beschreibt eine Freundschaft in und den schmutzigen Alltag von Neapel. Wie sie das macht, dafür loben ihre Leser sie gerade in den Himmel, ohne dass sie wissen, wer der Empfänger dieses Beifalls ist. Wer auch immer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt, sie oder er möchte für die Öffentlichkeit unsichtbar bleiben.
Eine Zurückgenommenheit, die Günter de Bruyn gefallen müsste. Vor 50 Jahren hatte er schon davon geträumt, sich in mönchischer Waldeinsamkeit ungestört in seine Schreibarbeit vertiefen zu können. Nur: Mit ihm über das Verhältnis von schreibendem und öffentlichem Ich zu sprechen, ist schwierig. Ob er ein Interview zu seinem 90. Geburtstag erlaubt? Lieber nicht, schreibt er freundlich zurück. Die wenige Zeit, die ihm noch bliebe, sei für andere Dinge verplant.
Fürs Schreiben vor allem. Noch immer erscheint von ihm jedes Jahr ein Buch: über Gräfin Elisa von Ahlefeldt, Jean Paul, Schloss Kossenblatt, Hardenberg und dessen letzte Geliebte, die 40 Jahre jünger war als der Staatskanzler. Seit Kurzem liegt sein jüngstes Produkt in den Buchläden. "Sünder und Heiliger" heißt es. Untertitel: "Das ungewöhnliche Leben des Zacharias Werner".
Wieder führt der Autor seine Leser mit leichter Hand in seine Lieblingsepoche zurück: Die Kleist-Brentano-Jean-Paul-Zeit. Die Jahre von Preußens schwerster Not und Wiederauferstehung. Es gibt weder in Brandenburg noch sonst irgendwo in Deutschland derzeit einen Literaten, der so vertraut ist mit Preußens romantischer Bewegung und der sein Wissen so gewandt aufzuschreiben vermag wie Günter de Bruyn. Was er aus diesem Fundus regelmäßig hervorzaubert, sind Bücher über Figuren, die selbst für gegenwärtige Begriffe an der Toleranzgrenze kratzen würden.
Frauen wie jene Gräfin Elisa, die Major von Lützow angetraut ist, mit ihm Rekruten für dessen Freikorps anwirbt und sich wegen eines acht Jahre jüngeren Schriftstellers scheiden lässt, dem sie sich in wilder Ehe hingibt. Zart und bewundernd schreibt de Bruyn über sie.
Und nun Zacharias Werner, ebenfalls ein Dichter und ein fast vergessener, der drei Mal verheiratet ist - das erste Mal mit einem mehr oder weniger aus Königsberg entführten Freudenmädchen, womit er sich aus der besseren Gesellschaft seiner Vaterstadt selbst herauskatapultiert. Werner strebt nach einem vergessenen Posten im preußischen Staatsdienst, der ihn ernährt, ihm allerdings so wenig Engagement abverlangt, dass ihm genug Zeit zum Schreiben bleibt.
De Bruyn wirft mit flottem Strich einen Mann aufs Papier, der ständig aus der Rolle fällt. Als in Preußen die Polendiffamierung in Mode kommt, freundet er sich mit Polen an. Als noch niemand an die Vollendung des seit der Reformation unfertig und ruinös in Köln stehenden Domes denkt, träumt er schon davon. Von Fernweh getrieben, geht er nach Rom, konsumiert dort am Tag die Kunst und nachts unzählige Frauen, bis er sich zum Katholizismus bekehrt und nach Deutschland zurückkommt, wo die religiös verklebten Nationalgesänge des einst geachteten Dramatikers nur noch als peinlich empfunden werden. Als in Wien der Kongress tagt, tanzt und kreuz und quer durcheinanderschläft, predigt der inzwischen zum Priester geweihte Werner so unterhaltsam gegen die feine europäische Gesellschaft, die an der Donau über eine neue Ordnung verhandelt, dass es in den überfüllten Kirchen zu Tumulten kommt. Einmal tobt er gegen den "allersündlichsten und ärgerlichsten Teil des menschlichen Körpers" und zeigt der Gemeinde - seine Zunge.
Die zarten Fäden feiner Ironie, die de Bruyns Schreiben immer veredeln, sie halten auch diese Geschichte über seinen Glaubensbruder zusammen.
Das Katholische kommt von seinem Vater, der von einer Weltbürgerexistenz geträumt hat, nach Russland auswandert, seine Frau mitnimmt und durch die Revolution die wirtschaftliche Existenz ganz, das Leben beinahe und die Gesundheit dauerhaft verliert. Nach Berlin zurückkehrt, findet der chronisch magenkranke Invalide eine Stelle bei der katholischen Kirchenverwaltung.
Berlin. Dort wird Günter de Bruyn am 1. November 1926 geboren, dort zittert sich seine durch die Familie und den Glauben behütete Kindheit in eine Dauerangst hinein. De Bruyns Widerwillen gegen männerbündische Rohheit, gegen jede Form der Diktatur, gegen wie göttliche Offenbarungen angebetete Ideologien, gegen sich wie Hohepriester benehmende Parteimitglieder hat seinen Ursprung in der braunen Zeit. Ihm wird die Karriere eines Nazi-Kindersoldaten aufgezwungen: Statt Abitur Einsatz an der Flak, Arbeitsdienst, Wehrmacht. In den letzten Tagen des Krieges wird er nach Österreich verlegt, gerät an einen gelangweilten Offizier, der Appetit auf Endkampf bekommt und de Bruyn zur Schlachtbank befiehlt. Der junge Soldat, der sich bisher aus allen Kämpfen heraushalten konnte, wird auch jetzt nicht schießen. Seine sinnlose Mission endet für ihn mit einem Granatsplitter im Kopf, der ihm die Sprache und sein alphabetisches Wissen zertrümmert. De Bruyn, aus dem bereits das schreibende Ich keimt und der in der Literatur sein Exil gefunden hat, packt die Angst, nie wieder lesen und schreiben zu können. Er erobert sich Buchstaben, Wörter, Sätze zurück, schlägt sich von Böhmen über Bayern nach Berlin durch. Wegen seiner Mutter bleibt er im Osten und wird 40 Jahre an dieser Entscheidung kauen.
In seinen Büchern gibt er sich immer wieder Antwort, warum ausgerechnet er, der das Autoritäre, das Stalinistische, den Selbstbetrug und das Freiheitsfeindliche des SED-Staates verabscheut, diesem Land nie den Rücken kehrt. Er bekommt auf Dienst- und Lesereisen mehr als einmal die Chance geschenkt, im Westen zu bleiben. Die Liebe lässt ihn nicht gehen. Die zu seiner Mutter, die in der Nähe von Königs Wusterhausen lebt, die zu seinem Sohn Wolfgang, von dessen Mutter er sich getrennt hatte. Dazu kommt die Scheu, Freunde und Vertrautes zurückzulassen. Außerdem hat die Notwendigkeit zur Flucht nach außen nicht bestanden, sie war ihm bereits im Inneren geglückt.
Ende der 60er-Jahre kauft er die verfallene Blabberschäferei am Rand von Görsdorf bei Beeskow (Oder-Spree) und bezahlt dafür weniger als für einen Fernseher. An dem Flecken, den er zufällig bei einer Wanderung entdeckt, reizt ihn der "Mangel an Menschen, Reizen und Geräuschen". Dort taucht er unter und in seine Schreib- und Lesearbeit ein. Deshalb wird er aber nicht unempfindlich für die Dornen, die dem Partei- und Machtapparat der DDR wachsen.
Als 1963 "Der Hohlweg", sein erster Roman, erscheint, sind die Literaturüberwacher sehr zufrieden mit ihm. Standpunkt und Entwicklungsaussichten des Helden, alles sehr schön nach den politischen Vorgaben eingenordet. Ein Jahr später bekommt Günter de Bruyn für das Buch den Heinrich-Mann-Preis. 18 Jahre kämpft er mit der Idee, seine Kriegserlebnisse in einen Roman zu fassen. Er verbiegt sich, macht Zugeständnisse, um gedruckt zu werden. Heute ist ihm der Roman ein peinliches Ärgernis, das er den "Holzweg" nennt. Ein zweites Mal hat er sich aber nicht verbogen, hat Bücher wie "Märkische Forschungen" und "Neue Herrlichkeit" geschrieben, die heute noch rätseln lassen, wie sie in der DDR erscheinen konnten.
Im ersten Buch erzählt er, wie man Geschichte entstellt, damit sie ideologisch ins Bild passt, im zweiten, wie sich die große politische Idee des Arbeiter- und Bauernstaates unterhalb des Partei- und Funktionärsadels in Trübsal, Pessimismus und Weltflucht auflöst. Der Roman gehört zu den wichtigsten Büchern, die im letzten Jahrzehnt der DDR veröffentlicht werden.
Es hätte eigentlich zeitgleich in West und Ost zu den Lesern kommen sollen, ist in der DDR aber erst verhindert und dann doch erlaubt worden. Der Autor beschließt nach diesem Prozedere, den Wünschen der Geistespolizisten nicht mehr nachzukommen. 1987 fordert er öffentlich die Abschaffung der Zensur.
Die Angst vor den Despoten, die die Nazi-Lehrer ihm als Kind einpflanzten, in der mit der Ausbürgerung Biermanns beginnenden Endphase der DDR lässt de Bruyn hinter sich. Er solidarisiert sich per Unterschrift mit dem Liedermacher und entwickelt sich zu einer Art Vaterfigur der Wehrdienstverweigerer.
Er geißelt flott, unterhaltsam und mit bitterem Witz in seiner Erzählung "Freiheitsberaubung" die Wir-hier-oben-und-ihr-da-unten-Mentalität der Nomenklatura, aber spielt sich nie als oppositionelle Rampensau in den Vordergrund.
Lieber widmet er sich seiner Liebhaberei. Mit Gerhard Wolf gibt er in der Reihe "Märkischer Dichtergarten" vergessene brandenburgisch-preußische Literaten heraus, ein Projekt, das in das hineinfließt, was er nach 1989/90 publiziert. Der politische Bruch zwingt ihm keinen literarischen auf, schenkt ihm aber eine überraschende Einsicht. Dass er nämlich an der ungeliebten Macht, die er 40 Jahre hatte ertragen müssen, doch noch etwas Schätzenswertes findet: "Dass sie, obwohl bis an die Zähne bewaffnet, ohne Blut zu vergießen abtreten konnte, als ihr Bankrott nicht mehr zu verheimlichen war."
Günter de Bruyn: "Sünder und Heiliger. Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner", S. Fischer, 223 Seiten, 22 Euro
Bekennender Katholik und Pfeifenraucher: Günter de Bruyn ist am Rand von Görsdorf bei Beeskow (Oder-Spree) zu HauseFoto: dpa/Patrick Pleul
Kaffee unter Kollegen: Günter de Bruyn (l.) im Gespräch mit der Schriftstellerin Helga Schubert bei einer Tagung im Mai 1987Foto: dpa/ZB/Deutsche Fotothek/Klaus Morgenstern
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Keiner schreibt so schön und so tiefgründig über Brandenburg und dessen Dichter wie Günter de Bruyn. Am 1. November wird der Schriftsteller 90 und hat gerade ein neues Buch veröffentlicht / Von Uwe Stiehler
Die historischen Figuren würden selbst heute an der Toleranzgrenze kratzen
Er bekommt mehr als einmal die Chance, im Westen zu bleiben, und geht wieder zurück