So bescheiden sich das äußere Gewand gibt, Kleists „Amphitryon“ hat es gewaltig in sich. Es ist ein Stück, dass seine Energie nicht aus aufwendigen Bühnenmanövern zieht, sondern aus genial geformten Dialogen. Kleist zertrümmert mit seiner Sprache die Grenze zwischen Drama und Komödie und kann seine Figuren mit wenigen Worten von manischen Höhen in tiefe Depressionen stürzen lassen. Das Verhör, in dem Jupiter als Amphitryon Alkmene dazu bewegen will, den Gott mit der gleichen Inbrunst wie den Gatten zu lieben, ist ein höchst kunstvoll ins Drama eingeflochtenes Drama. Wie Jupiter darin Alkmene von Verzweiflung zu Verzweiflung jagt, wie sein narzisstisches Macho-Gehabe und sein göttlicher Selbstbetrug von Alkmenes Unerbittlichkeit, Unschuldsbewusstsein und Liebe zum echten Amphitryon erschüttert werden, das gehört zu den besten Szenen, die je fürs Theater geschrieben wurden.
Warum Ingo Putz gerade solche Stellen noch überreizen musste, indem er Jupiter in seiner Inszenierung am Staatstheater Cottbus von einer Frau spielen lässt, bleibt sein Geheimnis. Und es ist zu hoffen, dass nach der gelungenen Besetzung des Lear mit Heidrun Bartholomäus diese Art Rollentausch in Cottbus nicht zur Masche wird. Wobei Johanna-Julia Spitzer die höchste Gottheit emotional sehr schön erdet. Ihr Jupiter ist höchst sensibel, leicht kränkbar, eitel, total verliebt, zärtlich, von Liebeskummer geplagt und dann wieder unnahbar, und er kann als betrogener Betrüger sehr melancholisch werden. Dieser Jupiter erkennt schon, als er sich nach jener delikaten Nacht von Alkmene (Johanna Emil Fülle) verabschiedet, dass die erlogene Zuneigung kein Glanzstück göttlicher Allmacht, sondern ein Armutszeugnis für überirdischen Egoismus ist. Aufgewühlt, das gebrochene Herz spürend, windet sich Jupiter um seine Niederlage herum, die er zu verschleiern sucht, als er mit biblischen Worten Amphitryon die Geburt des Halbgottes Herkules ankündigt.
Thomas Harms lebt in dem Feldherren Thebens jene Ironie aus, mit der Kleist sein Identitätskrisenstück als Lustspiel tarnte. Der Feldherr ist der kleine Mann mit großem Komplex, ein Weltbildzurechtbieger, empörter Zwerg mit aufgeplustertem und am Ende so leicht korrumpierbarem Ego.
Harms gibt dem Stück eine Höhe, auf der noch Sigrun Fischer locker mitspielt. Als keifende, verspottete, liebestolle, neunmalkluge, vergeblich aufgetakelte und leicht naive Dienerin Charis ist sie der Glanzpunkt dieser Inszenierung. Und wenn sie singt, dass sich Liebe anfühlt wie ein Bonbon im Mund oder manchmal wie Beton, dann ist das zwar nicht der reine Kleist, wie der Rest des Stückes. Aber trotzdem absolut hinreißend.
Vorstellungen: 1. und 12.3, 19.30 Uhr, Staatstheater Cottbus, Kartentelefon: 0355 78242424