Je älter man wird, umso schärfer blitzt der Spiegel der Erinnerung. Es hatte ohne Zweifel einen tieferen Sinn, dass ich 1967 nach vier Jahren Studium der Germanistik und Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Leipzig meine Staatsexamensarbeit ablegte über das Buch "Das große Abenteuer des Kaspar Schmeck" von Alex Wedding. Erzählt wird die Geschichte eines 15-jährigen Jungen, den der hessische Landgraf Friedrich, zusammen mit 12 500 Soldaten 1756 an England verkauft, für dessen Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der auch ein Krieg gegen die Indianer war.

Das Capitol war brechend voll

Dass ich mich für diesen Stoff entschieden habe, verdanke ich Gojko Mitic, denn ein Jahr zuvor, im Februar 1966, war das Capitol, das größte Kino in Leipzig, brechend voll, anlässlich der Defa-Premiere des Indianerfilms "Die Söhne der großen Bärin" nach dem Roman von Liselotte Welskopf-Henrich. Gojko Mitic spielte den Häuptling Tokei-ihto, welcher seinen Stamm vor der Verfolgung der Weißen über den Missouri, heim zu den Dakota, rettet.
Da reitet einer wie der Teufel über die Leinwand, macht ohne Double mit 26 Jahren die atemberaubenden Stunts und schenkt den Zuschauern eine bis dato nie gesehene Welt. Mit elf Millionen Zuschauern in der DDR und fast 30 Millionen in der Sowjetunion und vielen anderen Ländern in Europa, wurde es einer der größten Kinoerfolge der Babelsberger Filmstudios. Gojko Mitic wurde mit jedem der insgesamt zwölf zwischen 1966 und 1983 von ihm gespielten Indianerfilme der absolute Star der Defa und Liebling der Zuschauer.
Am 25. Juni 1967 wurde in der Rostocker Freilichtbühne "Chingachgook, die große Schlange" uraufgeführt, nach Motiven des Romans "Wildtöter" von James Fenimore Cooper. "Die beste unter den vielen Cooper-Verfilmungen", urteilte 1995 das Münchner Western-Lexikon. Die Defa hatte ihr Thema gefunden und ging auf Reisen in den Kaukasus auf 2500 Meter Höhe für den 1986 gedrehten Film "Spur des Falken" – mit Rolf Hoppes Darstellung als mieser James Bashan und mordlustiger Feind des Indianerhäuptlings "Weitspähender Falke" – jede Filmsekunde wird zur Hochspannung. "Im Film waren wir Feinde, aber im Leben Freunde", gedenkt Gojko Mitic voller Respekt der begnadeten Schauspielkunst von Rolf Hoppe.
Als am 20. Juli 1969 Apollo 11 auf dem Mond landete, drehte Regisseur Konrad Petzold in Polen "Tödlicher Irrtum" mit Armin Mueller-Stahl als Halbbruder Chris Howard von Häuptling Shave Head, "Das war mein einziger Indianerfilm mit Gojko Mitic", erinnert sich der Oscar-Preisträger. "Ich habe seine Reitkünste bewundert. Er war mir sympathisch, weil absolut professionell. Die Geschichten in den Defa-Indianerfilmen mit Gojko Mitic hatten einen größeren Realismus als Winnetou und Old Shatterhand in den westdeutschen Karl May-Filmen. Das waren zwei Helden, die es im Leben nicht gibt." Armin Mueller-Stahl lacht durchs Telefon: "Es tut mir leid, dass Gojko schon achtzig wird. Willkommen im Club. Ich wünsche ihm nur Gutes!"
Gojko Mitic, am 13. Juni 1940 in Strojkovce geboren, dem damaligen Königreich Jugoslawien, heute Serbien, wollte Sportlehrer werden. Ein Grund für ihn, im Urlaub, nur mit Schnorchel, tief vor den griechischen Insen zu tauchen, aber nie einen Tropfen Alkohol zu trinken. Als ihn seine geliebte Großmutter bei einer ersten Zigarette erwischte, nahm sie Enkel Gojko an die Hand, zog ihn auf die mit Teer überzogene Straße vor ihrem Haus und warnte ihn mit den Worten: "Wenn du weiter rauchst, wird deine Lunge so schwarz – und dann stirbst du!" Die Warnung seiner Großmutter hat Gojko Mitic nicht in den indianischen Wind geschlagen. So kam es, dass im Juli 2011, nach einer Lesung im Lutherhaus in Wittenberg, eine attraktive Frau gut zwanzig Minuten vor unserem Autogramm-Tisch stand. Auf meine Frage, ob sie noch eine Frage habe, sagte sie: "Nein. Aber ich wollte einmal in meinem Leben vor diesem Mann stehen!"
Die Defa-Indianerfilme waren teure internationale Co-Produktionen mit Jugoslawien, Rumänien, Sowjetunion, Bulgarien. "Weiße Wölfe" (1969) wurde im Dinarischen Gebirge in der Hohen Tatra in der Slowakei gedreht, "Osceola" entstand 1971 in Kuba oder "Der Scout" (1983) in der Mongolei, wo Gojko Mitic inmitten Hunderter wilder Pferde sich souverän bewegte wie ein Fisch im Wasser.
Der damalige Chefdramaturg der Defa, Rudolf Jürschik, beschreibt Gojko Mitic als einen Schauspieler, welcher "ganz bescheiden, populär, geachtet vom technisch-künstlerischen Personal und kreativ im Angebot von interessanten Stoffen für das Genre Indianerfilm diszipliniert gearbeitet hat. Wir alle – nicht nur die Frauen – waren von ihm begeistert."
Die menschliche und künstlerische Präsenz von Gojko Mitic in den Defa-Studios, sie gilt auch für seine hochkarätigen Rollen im Fernsehen der DDR und nach deren Ende als bejubelter Winnetou-Darsteller von 1992 bis 2006 bei den Karl May-Spielen in Bad Segeberg. Eine weitere Paraderolle war 2009 sein Alexis Sorbas am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Und damals in Leipzig habe ich nicht im Traum daran gedacht, dass einundfünfzig Jahre später, im Lutherjahr 2017, Gojjo Mitic auf den Landesbühnen Sachsen mit der Rolle des Delawaren-Häuptlings "Fliegender Pfeil" seine Zuschauer neuerlich begeistert.
Am 6. Oktober 2016 verabschiedete sich Gojko Mitic auf dem Friedhof von Potsdam-Bornstedt mit einer roten Rose am Grab von seinem Freund Rolf Losansky. Er war der erfolgreichste Kinderfilmer der Defa und ein großer Regisseur des europäischen Kinderfilms. Unter seiner Regie drehte Gojko Mitic 1981 den zauberhaften Kinderfilm "Der lange Ritt zur Schule" – eine Geschichte voller Indianerträume. Nicht nur in diesem Film hatte Gojko Mitic das Glück, mutige Regisseure, das Bild-Medium perfekt beherrschende Kameraleute und großartige Schauspieler an seiner Seite zu haben, ohne die, das betont er immer wieder, die Filme ihre Qualität und ungebrochene Zuschauergunst nicht erreicht hätten. Dazu gehören natürlich die fantastischen Kompositionen von Karl-Ernst Sasse, Wilhelm Neef, Günther Fischer und Hans-Dieter Hosalla, deren emotionsreiche Western-Filmmusiken ein eigenes CD-Label verdient hätten. In den Herzen der Zuschauer der Welt ist Gojko Mitic schon lange zu einer Legende geworden.
Ob bei Film-Festivals an der russisch-chinesischen Grenze, in Deutschland, im fernen Kamtschatka, in Serbien, in der Mongolei oder auch in den USA  – seine Filme sind Kult. Gojko Mitic’ filmische Botschaften werden bleiben,  sie werden gerade heute gebraucht, weil es ihnen um Toleranz gegenüber anderen Völkern und Bewahrung der Schöpfung auf unserem blauen Planeten geht. Zeit seines Lebens hat Gojo Mitic optimistisch in die Zukunft geschaut, so wie der Hollywood-Star James Dean, welcher sich und uns wünschte: "Träume, als lebtest du ewig – lebe, als stürbest du heute!"