Schon im Eingangsbereich treffen Welten aufeinander: Da steht die Frauenfigur von Fritz Klimsch, der sich nach seiner Parisreise 1895 vom Neobarock der Berliner Bildhauerschule löste. „Meditation“ heißt die Marmorskulptur, die in der ihr verbliebenen Klassizität das Gegenstück zu Pia Stadtbäumers 2006 entstandener Arbeit mit dem Titel „Weitere Galante Szenen“ ist. Auch die in Hamburg lebende Künstlerin nimmt Bezug auf die Tradition. Sie erweckt Galanterie-Posen des Malers Jean-Honoré Fragonard zu neuem Leben. Wie einem Rokoko-Gemälde entstiegen, räkelt sich ihre Dame in weißer Maskerade lasziv an der Wand.
Sie schielt schalkhaft zu der Figur von Iris Kettner, die aus Lumpen und Verpackungsmaterial zusammengeschnürt wie eine moderne Madonna mit zu groß geratenem Kind auf dem Arm dasteht. Nachdem es gerade in Deutschland viele Künstler lange als unmöglich empfanden, figurativ zu arbeiten, weil das plastische Menschenbild durch die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts zu sehr belastet schien, lässt sich in den vergangenen Jahren ein neuer Trend zur Figur ausmachen. In der Malerei sind es die Überflieger der Neuen Leipziger Schule wie Neo Rauch oder Christoph Ruckhäberle, die das Figurenbild zu neuer Ehre kommen lassen. Bei den Bildhauern seien Klaus Winichner, Robert Metzkes oder Simon Schubert genannt, die im Kolbe-Museum vertreten sind.
Künstler wie Stephan Balkenhol oder Clemens Krauss, die auch schön zum Thema der lebensgroßen Figur gepasst hätten, fehlen in der Ausstellung. Aber für eine umfassende Schau ist das kleine Haus im Grunewald nicht gedacht. Dafür sind Entdeckungen zu machen, wie der in Wien lebende Markus Leitsch, der den Abguss seines Körpers mit einer in Harz getränkten Kuhaut abformt. Oder Veronika Veit aus München, die ihre Zwerge „Halil, Edin, Paolo und Ronald“ miteinander raufen lässt. Täuschend echt sind sie in ihrer naturalistischen Darstellung. Nur etwas kleiner als in natura. Eine irritierende Diskrepanz, die den Betrachter ebenso beschäftigt wie die Arbeit des Kölners Simon Schubert.
Seine „Zwillinge“ von 2010 haben keine Gesichter. Sie erinnern so an den Mann auf René Magrittes Bild „Die verbotene Reproduktion“ von 1937, der beim Blick in den Spiegel nur seinen Hinterkopf sieht. Mit ihren langen Haaren, die wie ein Vorhang das Gesicht verdecken, sehen die Zwillinge von hinten aus wie von vorn. Hand in Hand stehen sie da im Kolbe-Museum. Surreal. Verloren zwischen den schönen Damen von Ernst Seger, Wilhelm Lehmbruck und Bernhard 
Hoetger. Jede Zeit hat eben ihr eigenes Gesicht. Auch, wenn sich nicht jedes dem Betrachter gleich erschließt.
bis 5.9., Di–So, 10–18 Uhr, 
„1910 Figur 2010“, Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Berlin-Charlottenburg,