Auch wenn die Uhr in Lyon tickt, bleibt Nadja Fritz bei den Proben cool. Wie auch anders? Die 16-Jährige aus Schwedt steht trotz ihres jungen Alters bereits seit acht Jahren auf der Bühne. „Wir hatten schon mal die Situation, dass wir innerhalb von zwei Wochen ein komplettes Stück auf die Beine stellen mussten“, sagt die junge Frau aus der Uckermark.
Nadja Fritz lernt am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Schwedt und kennt die Uckermärkischen Bühnen, weil sie dort regelmäßig auf der Bühne steht. Gemeinsam mit 20 Jugendlichen aus Polen, Deutschland und Frankreich arbeitet sie derzeit an ihrem ersten internationalen Projekt: „100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg: Was ist Erinnerung, mémoire, wspomnienie?“.
Dabei blicken die Jugendlichen auf die Geschichte und die Folgen zurück, die der „Große Krieg“ für die Menschen in Frankreich, Polen und Deutschland hatte. Sie fragen sich: Welche Erinnerung lebt in den einzelnen Ländern fort? Welchen Einfluss hat die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ auf die Menschen noch heute? Und was überhaupt ist Erinnerung?
Das zeigt die internationale Truppe bald auf der Bühne. Die Aufführungen sind Teil eines dreiteiligen Theaterprojektes, bei dem sich junge Menschen im August nacheinander in Frankreich, Deutschland und Polen treffen. Unter der Leitung von Frédéric Tessier (Théâtre des Asphodèles, Lyon, Frankreich), Janusz Janiszewski (Dom Kultury 13 Muz, Stettin, Polen) und Charlotte Stolz (Stiftung Genshagen, Deutschland) reflektieren sie Geschichte, kreieren eigene Geschichten und machen daraus ein Theaterstück – eine dreisprachige Commedia dell’Arte. Die kommt nun bald auf drei Bühnen: zuerst in Lyon, am 14. August in Genshagen sowie am 18. August in Stettin. Gefördert wird das Projekt von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Deutsch-Französischen und dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk sowie der Gottfried-Michelmann-Stiftung.
„In dieser Form ist es das Ergebnis einer langjährigen Kooperation“, sagt Charlotte Stolz von der Stiftung Genshagen bei Ludwigsfelde (Teltow-Fläming). Die Idee hatte Thierry Auzer aus Lyon, mit dem Charlotte Stolz das Projekt seit 2008 zusammen koordiniert. „Es ist für uns eine Premiere, dass wir von Land zu Land reisen. Ein riesiger organisatorischer Berg liegt hinter uns“, sagt sie. Bisher fanden die Aufführungen nach dem Rotationsprinzip nur in einem der drei Länder statt.
Die Kommunikation bei den Proben sei nicht immer einfach. „Die Jugendlichen verständigen sich auch auf Französisch, aber die wichtigste Sprache bleibt Englisch“, sagt Charlotte Stolz. „Manchmal geht es auch nur mit Händen und Füßen. Aber es funktioniert.“ Die Schüler zeigten Ehrgeiz. „Ich möchte die Szene noch einmal verbessern, können wir abends eine Extraprobe machen?“, werde sie regelmäßig gefragt. Das beweise den hohen Anspruch dieses Projektes, es sei zudem eine Chance für Nachwuchsdarsteller. Einige ehemalige Teilnehmer hätten eine professionelle Schauspielkarriere begonnen, berichtet Charlotte Stolz. Einer habe sogar beim renommierten Festival im französischen Avignon auf der Bühne gestanden. Für das nächste Jahr werden noch Teilnehmer gesucht.
„Als ich auf dieses Projekt aufmerksam wurde, war ich sofort interessiert, weil es eine Riesenchance ist, Frankreich und Polen näher kennen zu lernen“, sagt Nadja Fritz. Aufmerksam auf das Projekt wurde sie durch eine polnische Gruppe, die sie bei den Schultheatertagen in Schwedt begleitet hat.
Aufführung am 14.8., 18 Uhr, Schloss Genshagen, Ludwigsfelde (Teltow-Fläming), Tel. 03378 805931