Pünktlich, Schlag 20 Uhr, wie es sich für Ostrocker gehört, starteten Karat mit sphärisch-rockigen Klängen und einem poetischen Text über die sieben Wunder der Welt ihren Live-Gig auf der großen Freilichtbühne des Eberswalder Familiengartens am Freitagabend. Zwei Jahre haben die Fans auf das Jubiläumskonzert zum 45. Bandgeburtstag warten müssen. Mancher war wohl ob der coronabedingten Verschiebungen und Unsicherheiten misstrauisch geworden, denn es blieben doch einige Stühle frei. Auch die von Petra und Michael Lienig. Die beiden Eberswalder hatten das vorige Mal nicht den vollen Eintrittspreis zurückbekommen und diesmal erst an der Abendkasse gelöst.

Die Haare sind noch lang

„Aber ich setz mich bei solch einem Konzert doch nicht da mitten in die Reihen, mich hält es doch nicht auf dem Platz“, sagt die jugendlich wirkende 57-Jährige, während sie rhythmisch zu „Ich liebe jede Stunde“ mitgroovt. Auch ihr Mann genießt die rockige Musik: „Beim letzten Konzert, 2019, hat es geregnet! Heute Abend ist es einfach nur klasse hier!“ Sänger Claudius Dreilich erinnert selbst daran: „Wisst ihr noch, wie es vor drei Jahren geschüttet hat?“ Die Fans bejahen lautstark. „Und gab es damals nicht noch eine Überdachung für eure Zuschauerränge?“ Tatsächlich wurden die aus baupolizeilichen Gründen abgerissen, und am Freitagabend hat sie freilich auch keiner vermisst.

Rund 600 Fans

Es mögen um die 600 Besucher im Rund gewesen sein, die Karat mit auf die musikalische Reise durch 47 Jahre Bandgeschichte nahm. Vor 17 Jahren hat Claudius Dreilich das Erbe seines 2004 gestorbenen Vaters und Bandgründers Herbert Dreilich angetreten. Es wurde ganz still, als er noch einmal an diesen größten Schicksalsschlag der Band erinnerte, und dass es der Wunsch der anderen Bandmitglieder und des Vaters war, dass er den Sängerpart übernehme: „Ich hatte so die Hosen voll.“ Dabei sei er immer schon dabei gewesen. Von Anfang an: „Große Gruppe Kindergarten, mit fünf Jahren.“

Immer weniger hält es auf den Sitzen

Karat ist sich in den fünf Jahrzehnten immer treu geblieben. Damals waren die Haare schon lang, heute sind sie es, bis auf die des Sängers, immer noch. Und ebenso die Titel. „Albatros“, die Hymne von der Freiheit über den Meeren, die keine Grenzen kennt und eben keine Chancen im kommerziellen Dudelfunk hat, dem alles über drei Minuten zwanzig suspekt erscheint. Aber wenn Bernd Römer zu seinen schrägen Gitarrenriffs in die Saiten greift, wenn sich ein herzergreifendes Mundharmonikasolo ins Ohr windet, dann stehen doch schon die ersten bejahrten Fans in den Stuhlreihen auf und wiegen sich im Takt.
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Das Durchschnittsalter des Konzertpublikums lässt an diesem Abend vermuten, dass ein Großteil auch die junge Karat-Band mit Henning Protzmann, Ed Swillms und eben Herbert Dreilich vielleicht noch im Haus der Jungen Talente seinerzeit erlebt hat und sie seitdem treu begleitet. Mitunter sieht man auch Mutter und Tochter mit den jeweiligen Gatten in trauter Harmonie wippend das Konzert genießen. Je mehr der legendären Titel erklingen, desto weniger Menschen hält es auf den Sitzen. Beim „Schwanenkönig“ werden nicht nur Feuerzeuge geschwenkt, sondern auch die Taschenlampen der Mobiltelefone, passend zum Titel scheint der Mond: „Hab den Mond mit der Hand berührt!“

Reise durch 47 Jahren Bandgeschichte

Es wird eine abwechslungsreiche musikalische Reise durch die Bandgeschichte. Das Oevre ist ja reichhaltig, man kann aus dem Vollen schöpfen: „Gewitterregen“, „Mich zwingt keiner auf die Knie“, „Blumen aus Eis“, „Das Narrenschiff“, da ist vieles auch beklemmend aktuell. Je später der Abend, umso mitreißender der Musik. Ein unschlagbarer Höhepunkt: „Der blaue Planet“. Da gibt es kein Halten mehr, strömen die Fans nach vorn, sammeln sich vor der Bühne, die in blaues Licht getaucht wird. Gänsehaut. Keiner spricht es aus. Alle denken in die gleiche Richtung. Alle singen inbrünstig mit: „Fliegt morgen früh um halb drei nur ein Fluch und ein Schrei durch die Finsternis?“
Und als alle ein wenig heruntergekommen sind, wird es noch einmal besinnlich und versöhnlich, und Claudius Dreilich erzählt von dem Wunsch nach DEM Lied, das natürlich zum Pflichtprogramm jedes Karat-Konzerts seit jeher gehört, und davon, dass nach dieser Ankündigung einst eine Zuschauerin rief „Alt wie ein Baum?!“ – befreiendes Gelächter. Natürlich schloss sich ein großes Chorsingen des bekannten deutschen Volksliedes „Über sieben Brücken musst du geh’n“ an. Claudius Dreilich begab sich dazu bis in die Zuschauerreihen und vergaß nicht, noch einmal auf die Urheberschaft hinzuweisen. Und es gab eine kleine Zugabenrunde mit „Weitergeh’n“ und dem „König der Welt“. Großer Schlussapplaus und das Fazit von Petra und Michael Lienig: „Das hat sich absolut gelohnt! Es war ein wunderschöner Abend, und wir haben Karat sehr genossen. Die sind einfach auch so natürlich und sympathisch!“

Service

Karat: Claudius Dreilich Gesang), Bernd Römer (Gitarre), Christian Liebig (Bass), Michael Schwandt (Schlagzeug), Martin Becker (Keyboard)
Nächste Auftritte: 17. Juni Parkbühne Leipzig, 18. Juni Sportplatz 39435 Borne, 24. Juni Wasserschloss Klaffenbach bei Chemnitz