Doch die zunehmend bemühten Späße des Moderators Edin Hasanović wirkten auf der endlos weiten leeren Studiobühne in Berlin-Adlershof wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde. Kein Wunder, dass mit einer halben Million Zuschauer ein historischer Tiefwert erreicht wurde – wer die mit zweieinhalb Stunden zunehmend zähe Veranstaltung bis zum Ende durchstehen wollte, musste größere Leidensfähigkeit mitbringen. Hatte doch Burghart Klaußner schon im Vorfeld geätzt, warum man die Gala gerade in diesem Jahr auf 22.30 Uhr verstecken musste.
Dabei ist es ein starker Jahrgang gewesen, und gerade die beiden Favoriten, Nora Fingscheidts "Systemsprenger" und Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" sind deutsches Kino vom Feinsten: leidenschaftlich, engagiert, experimentell, mit weitem Atem, politischer Botschaft und überragenden Darstellern. Dass am Ende "Systemsprenger" mit acht Preisen eindeutig als Sieger hervorging – auch das war ein Signal. Albrecht Schuch, der als Hauptdarsteller in "Systemsprenger" und Nebendarsteller in "Berlin Alexanderplatz" gleich zweimal ausgezeichnet wurde, sprach es aus, wenn er in seiner Laudatio allen Sozialarbeitern, Medizinern, Psychologen und Krankenschwestern dankt, die gerade unser Überleben sichern. Der wunderbaren Gabriele Maria Schmeide, die als eben so eine Sozialarbeiterin mit dem Preis für die besten Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde, blieb es überlassen, aus ihrem Wohnzimmer vor Fototapete mit Waldsee etwas Sternenstaub aus einer Pappschachtel zu verstreuen – das war einer der wenigen wirklich glamourösen Momente des Abends.
Ansonsten: viel angestrengte Freude per Zuschalte aus den Wohnzimmern der Geehrten, technische Probleme, gerade als Nora Fingscheidt sich für den Preis für die beste Regie bedanken wollte, und mühsame Späße rund um eine Telefonzelle. Starke Momente gab es immer dann, wenn Lina Beckmann, Charlie Hübner, Sandra Hüller oder Ronald Zehrfeld über Kolleginnen und Kollegen sprachen, und das so klug, emphatisch und mitreißend, dass man für einen Moment tatsächlich die Kraft des Kinos spürte. Wirklich komisch war einzig der Auftritt des Kängurus aus Dani Levys Erfolgsfilm, das einen Preis für den "besten Film mit einem sprechenden Tier" einführen wollte und die Gelegenheit nutzte, sehr ernsthaft für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu plädieren. Und wirklich ergreifend waren die Appelle der Altmeister Edgar Reitz und Ulrich Matthes am Schluss, die ihre große Sorge darum, dass das Kino diese Krise nicht überstehen könne, mit einem Appell an Mut zur Neuerfindung knüpften. Da dürften die meisten Zuschauenden allerdings schon abgeschaltet haben.

Lola-Reigen: die Deutschen Filmpreise im Überblick


Spielfilm Gold:"Systemsprenger" von Nora FingscheidtSpielfilm Silber: "Berlin Alexanderplatz" von Burhan QurbaniSpielfilm Bronze: "Es gilt das gesprochene Wort" von Ilker ÇatakDokumentarfilm: "Born in Evin" von Maryam ZareeKinderfilm: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" von Caroline LinkWeibliche Hauptrolle: Helena Zengel für "Systemsprenger"Männliche Hauptrolle: Albrecht Schuch für "Systemsprenger"Weibliche Nebenrolle: Gabriela Maria Schmeide für "Systemsprenger"Männliche Nebenrolle: Albrecht Schuch für "Berlin Alexanderplatz"Regie: Nora Fingscheidt für "Systemsprenger"Drehbuch: Nora Fingscheidt / "Systemsprenger"Kamera: Yoshi Heimrath für "Berlin Alexanderplatz"Schnitt: Stephan Bechinger und Julia Kovalenko für "Systemsprenger"Musik: Dascha Dauenhauer für "Berlin Alexanderplatz"Szenenbild: Silke Buhr für "Berlin Alexanderplatz"Kostümbild: Sabine Böbbis für "Lindenberg! Mach dein Ding"Maskenbild: Astrid Weber und Hannah Fischleder für "Lindenberg! Mach dein Ding"Ton: Corinna Zink, Jonathan Schorr, Dominik Leube, Oscar Stiebitz und Gregor Bonse für "Systemsprenger"Visuelle Effekte/Animation: Jan Stoltz und Claudius Urban für "Die Känguru-Chroniken"Besucherstärkster Film des Jahres: "Das perfekte Geheimnis" von Bora DagtekinEhrenpreis: Edgar Reitz