"Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide", klagt Goethes gedankenlyrisches Lied der Mignon aus dem Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre", "allein und abgetrennt von aller Freude." Dem einen mag es aktuell die verweigerte Aussicht auf einen Trockenplatz sein, dem anderen die gegenwärtig schwer mögliche Reise ins "Land, wo die Zitronen blüh’n". Von alledem weiß auch Ludwig van Beethoven in einigen Liedern zu künden. Wobei es ihm besonders die Mignon angetan hat, denn er komponiert sie gleich vierfach, in unterschiedlichen Tonarten und Stimmungen.
Als Tribut an das nunmehr auf 2021 verschobene "Fest für Beethoven" singt die griechische Mezzosopranistin Martha Sortiriou auch von vertonten Empfindungen "An den fernen Geliebten". Sie entspricht mit ihrer einnehmenden, dunkel timbrierten, fülligen Mittellage und ihrem ausdrucksschlichten Vortrag den Erfordernissen sinnerfüllenden Liedersingens. Kurzum: Sie weiß im jedem Moment, wovon sie singt! In den Leidens-Variationen offenbart sie schwerblütige, hoffnungsfrohe, nachdenkliche und fordernde Seiten ein und derselben (Seele-)Medaille. Wunder gibt es immer wieder!
Zur gestalterischen Hochform läuft sie in Robert Schumanns Liederzyklus "Frauenliebe und -leben" op. 42 auf, wobei sie jedes der acht Gesänge als ein lyrisches Ich auffasst. Dabei weiß sie das Wort auf rechte Weise zu deuten, differenziert zu gestalten und das Ganze als einen poetischen Liebesroman zu erzählen: von himmlischer erster Liebe ("Seit ich ihn gesehen") über Heirat ("Du Ring an meinem Finger") bis zum ergreifend vorgetragenem Tod des Gatten ("Nun hast du mir den ersten Schmerz getan"). Als mitgestaltende, einfühlsame und gefühlsverstärkende Partnerin erweist sich die Pianistin Katharina Hinz. Nicht weniger anpassungsfähig zeigt sie sich beim rhythmischen Feuerwerk von "Sieben spanischen Volksliedern", von Manuel de Falla arrangiert und stimmlich wie pianistisch effektvoll vorgetragen.
Bei Robert Schumanns Liederzyklus "Dichterliebe" op. 48, einer Seelenreise ins Innere eines Mannes, prallen die widersprüchlichsten Gefühlsfacetten nicht weniger heftig aufeinander. Auch hier erweist sich jede Vertonung als eine brennglasgleiche Seelenminiatur, textverständlich und prononciert vom amerikanischen Bariton Zachary Wilson vorgetragen. Die Pianistin liefert faszinierende Stimmungsbilder hinzu.
Zu weiteren wochenendlichen Vergnügungen bis zum 9. August gehören noch drei Liederabende (mit doppeltem Sängeraufgebot), zwei Serenadenkonzerte und mehrere moderierte Vorführungen von Opernverfilmungen berühmter Regisseure wie Walter Felsenstein ("Fidelio"), Franco Zeffirelli ("La Traviata"), Joachim Herz ("Fliegender Holländer"). Nicht verpassen sollte man auch den Besuch der Ausstellung "Theaterdonner und Himmelslicht" im Schlosstheater, die in den Maschinenraum der Theaterillusionen blicken lässt (Di bis Mo 11 bis 17 Uhr). Auf nach Rheinsberg!

Musiksommer Rheinsberg

Nach der coronabedingten Absage der Kammeroper Schloss Rheinsberg bietet der Musiksommer Liederabende, Opernfilme und eine Ausstellung. Wie gemacht für eine Landpartie sind die Serenaden, welche die Akademie für Alte Musik Berlin am 11. und 12. Juli 2020 um 17.30 Uhr im Schlosshof zum Klingen bringt. red