„Monterverdi vs. Kleist. Die Wrestling-Show des Jahres“ hat das Musiktheaterkollektiv glanz&krawall die Produktion überschrieben, die es am Dienstagabend im Rahmen der Kleist-Festtage präsentiert. Im auf der Hinterbühne aufgebauten Ring will sie die Beschreibung zweier Zweikämpfe aufeinanderprallen lassen: Claudio Monteverdis „Combattimento di Tancredi e Clorinda“ (1624) und Heinrich von Kleists „Penthesilea“ (1807). In beiden Fällen ist es eine Täuschung, die dazu führt, dass es am Ende Tote gibt. Bei Monteverdi ist es Kreuzfahrer Tancredi, der die Kriegerin Clorinda, die er liebt, in ihrer Rüstung für einen Mann hält und tödlich verletzt. Bei Kleist will Achill Penthesilea, die ihren Gatten auf dem Schlachtfeld gewinnen muss, zum Schein unterliegen – was sie nicht durchschaut und ihn in wilder Rage umbringt.
„This is a fake“ steht auf einem der Handzettel, den die Schauspieler im Publikum verteilen. Was wir sehen, ist nicht wahr – die Fans von Wrestlingkämpfen wissen das. Was dort vorgibt, real zu sein, ist im Prinzip nur Show: Der Sieger steht schon vorher fest. Die Kunst dabei ist, den Kampf möglichst martialisch wirken zu lassen, ohne dass der Gegner verletzt wird. Nicht immer gelingt das.
Wie aus Show schnell Drama wird, wie nicht verstandene oder missgedeutete Zeichen uns in den Abgrund führen können, das ist es, was uns der Abend in der Regie von Marielle Sterra zeigt. Und mitten in all den Attitüden, Kraftmeiereien und Effekten doch ein Hauch von Seele sitzt. Was mit Monteverdi, den Marinella Dell’Eva am Cembalo und Phil-lip Testo Steron gesanglich geben, noch etwas im Vagen bleibt, gelingt mit Kleist dann prächtig. Kaum haben Kara Schröder und Felix Witzlau in den „Penthesilea“-Modus geschaltet, drückt einen die Macht der Kleist’schen Sprache förmlich in den Sessel. Worte, die in der Lage sind, aus einem Gefühl einen Dolch zu formen: Dass es da Tote geben muss, liegt auf der Hand.
Die Show jedoch geht weiter. Während die Bühnenarbeiter den toten Achill davongetragen, wird an anderer Stelle schon die Bar aufgebaut. „Wir wollen eins drauf trinken“, heißt es in einem weiteren Täuschungsdrama Kleists, der „Familie Schroffenstein“, nachdem zwei Väter ihre eigenen Kinder gemeuchelt haben. Hier passt das ohne Frage auch.