Die Komische Oper in der Behrenstraße hat sich getraut und damit beim Publikum wieder einen Erfolg gelandet. Freilich hat dieser Erfolg seinen Preis.
Erstmals hat Intendant Barrie Kosky an seinem Haus eine Uraufführung inszeniert, ein Auftragswerk dazu. Es passt in seine Strategie, die berühmten Zwanzigerjahre in Berlin musikalisch wieder zu beleben und so eine Brücke zu schlagen zwischen damals und heute.
In der Oper von Moritz Eggert, die eher ein Singspiel ist – wenn auch nicht im Sinne von Mozart, sondern eher von Kurt Weill – oder ein Rockmusical, eine Soundcollage oder gar ein Hörspiel in Bildern, geht es oft sehr laut zu. Aber insgesamt ist die Musik eher gefällig, eine Mischung aus Klassik und Jazz, durchsetzt mit Zitaten. Generalmusikdirektor Ainars Rubikis koordiniert geschickt diese Klangmassen.
Zu den gesprochenen Passagen, die die Librettisten Barrie Kosky und Ulrich Lenz größtenteils aus dem Film übernommen haben, kommen Vertonungen von Gedichten Walter Mehrings sowie Kinderlieder. Darunter ist auch eine Abwandlung des berühmten Haarmann-Liedes, von dem Mann "mit dem Hackebeilchen, der Schabefleisch aus dir macht".
Erzählt wird die Geschichte des Filmes – aber mit einem entscheidenden Unterschied. Der Kindesmörder ist von Anfang an auf der Bühne, und die Geschichte wird ausschließlich aus seiner Perspektive dargestellt. Er, sehr eindrücklich gesungen und gespielt von dem US-amerikanischen Bariton Scott Hendricks, ist der einzige "normale" Mensch auf der Bühne. Ansonsten werden die Menschen der Stadt von Kindern mit großen Masken großartig gespielt. Unbedingt zu erwähnen ist der Maskenbildner Tobias Barthel. Die gesprochenen Texte kommen aus dem Off, gleichfalls von dort singt der große Kinderchor. Es ist wohl die größte Partie, die bislang für einen solchen Chor in einer Oper komponiert worden ist.
Die Suche der Bürger nach dem unheimlichen Mörder, der reihenweise Kinder umbringt, hat in Koskys Inszenierung nichts Bedrohliches, sondern ist eher als eine Satire oder Parodie angelegt. Der Clou der Aufführung ist der Perspektivwechsel, und je länger sie dauert, umso mehr fragt man sich, ob M wirklich ein Mörder ist. Ist nicht alles eine Wahnvorstellung dieses Mannes, ein psychotischer Schub oder etwas Ähnliches? Aus dem Täter wird auf diese Weise ein Opfer, und bis zum Schluss bleibt die eindeutige Antwort darauf aus.
Überzeugender Scott Hendricks
Das mag nicht unproblematisch sein in Zeiten von Kindesmissbrauch in Kirchen, Sportvereinen und auf Campingplätzen. Gewiss hat man daran gedacht, die beinahe 100 Kinder, die sichtbaren Spaß an diesem makabren Spiel haben, dabei psychologisch zu betreuen. Unweigerlich muss man an das noch immer verschwundene Mädchen Rebecca aus Berlin denken. Wäre nicht die überzeugende Darstellung durch den Texaner Scott Hendricks, könnte man das Ganze für einen schlechten Scherz halten, aber mit ihm ergibt sich eine ambivalente Spannung. Die Musik, die von allen Seiten in den Saal zu kommen scheint, versetzt das Publikum gewissermaßen in den Kopf dieses namenlosen Menschen und macht es andererseits zum Komplizen der menschenjagenden Meute jener Stadt.
Vorstellungen: 11./24.5. und 22./26.6., jeweils 19.30 Uhr, sowie 9.6., 19 Uhr, Komische Oper, Behrenstr. 55–57, Berlin-Mitte, Kartentelefon: 030 47997400