Cher kümmert sich nicht um ihr Alter und warum sollte sie auch. 73? Das ist nur eine Zahl, die Ikone des Pops scheint nicht zu altern. Sie sieht fantastisch aus  und liefert eine Show der Superlative. „Mehr ist mehr“, ist die Devise.
„Na, und was macht eure Oma heute Abend?“, kokettiert sie gleich zu Beginn in der ausverkauften Mercedes Benz Arena, präsentiert sich als starke Frau. „Jedes Mädchen sollte das tun, was sie will. Das sein, was sie will.“ Dafür wird die Legende gefeiert. In 1,5 Stunden reist bzw. rast man fast schon durch ihr bewegtes Leben.
Zärtlich singt Cher mit ihrem Ex-Mann Sonny, der auf eine Leinwand projiziert wird, „I Got You Babe“. Im berühmten schwarzen String-Einteiler gibt es den 1980er-Jahre-Klassiker „If I Could Turn Back Time“ um die Ohren gehauen. Ein Abba-Medley ist das Herzstück der Show – passend zum letzten Album, welches die Sängerin den Schweden gewidmet hat, nachdem sie in der Fortsetzung von „Mamma mia!“ die Mutter (!) der 70-jährigen Meryl Streep gespielt hat.
Zu den Elektropop-Hits „Strong Enough“ und „Do You Believe“ flippen alle aus. Mit roter Perücke und weißem Paillettenkleidchen macht sie auf Discomaus. Die Arena hat wohl selten so gebebt. Der Queen der großen Geste wird vorbehaltlos gehuldigt – und das zu Recht.
Eine pompöse Las-Vegas-Sause liefert die fesche Oma. Der Sound ist treibend, fordernd. Ihr Stimme klar, auch wenn es manchmal etwas Unterstützung vom Band braucht. Die knallbunten, aufwändigen Kulissen bieten das passende Beiwerk für Cher. TänzerInnen umgarnen sie. Etwas staksig hüpft sie hin und wieder umher, aber das war ja noch nie ihre Stärke. In Sachen Präsenz macht sie ihren Nachfolgerinnen à la Christina Aguilera oder Ariana Grande was vor. Sie inszeniert sich als Diva, schwebt vom „Himmel“ als weibliche Gladiatorin mit Rüstung ein, reitet als indische Verführerin auf einem Elefanten, gibt die Sonnengöttin oder schlendert als cooles Elvis-verehrendes Cowgirl durch Memphis. Die Umkleidepausen werden geschickt mit Videoausschnitten überbrückt. Cher als Kind, Cher als Sängerin, Cher als Schauspielerin – Cher, das Ausnahmetalent.
Dass hinter der Fassade eine verletzte Seele steckt, wird in ihrem Monolog klar. Sie habe als Sängerin alles erreicht, sei Oscarprämiert – aber dennoch sei sie weder von der Musikbranche noch der Filmwelt je akzeptiert worden, fühle sich noch immer als Außenseiterin.
„Hässlich“ hätten sie die Männer genannt, untalentiert. So habe sie Jack Nicholson 1987 für „Die Hexen von Eastwick“ abgelehnt, weil er sie für unsexy und zu alt hielt. Sie berichtet von Produzenten, die sie unterschätzt haben und von Männern, die sie übertrumpft hat: „Nicholas Cage war damals 21 und ich 40 beim Film „Mondsüchtig“. Aber ich sah besser als er aus“. Nebenher präsentiert die nahbare Entertainerin ihre Deutschkenntnisse mit unschuldigem Augenaufschlag: „Scheiße“, „Du hast ein Affengesicht“ und „Wie geht’s dir Schatzi?“. Zu mehr reicht es leider nicht.
Mit einem großen Knall ist dann kurz vor 23 Uhr der Spuk vorbei. Cher verschwindet, ohne sich umzuschauen, keine Zugabe, nichts. Ruckzuck ist die Bühne abgeräumt. Ob Sie wiederkommt? Sicher kann man sich sein, dass die Frau mit der dunklen Powerstimme mit 90 Jahren nicht im Altersheim landen wird, sondern als heiße Braut im Negligé noch immer eine gute Figur in den Konzerthallen der Welt abgeben wird.