Auf dem Videoportal YouTube, da hat einmal ein Spaßvogel unter einen Clip von Wilco geschrieben: "Es sollte eine Religion geben, die Nels Cline zum Mittelpunkt hat!" Das ist natürlich eine Anspielung auf Eric Clapton, der in den 60er-Jahren in London mit dem Graffiti-Spruch "Clapton Is God" geehrt wurde. Davon einmal abgesehen, dürfte der YouTube-Nutzer aber ziemlich genau die Gemütslage der Fans getroffen haben, die die Americana-Rocker Wilco am Donnerstagabend im Tempodrom erleben durften.
Nels Cline also, dieser begnadete Gitarrist der sechsköpfigen Band, schraubt sich in dem Lied "Impossible Germany" minutenlang zu einem überirdisch schönen Solo hoch; bluesig, sehr melodisch und am Ende irre schnell, flankiert von Jeff Tweedy und Pat Sansone an der zweiten und der dritten Gitarre.
Dies allein ist ja schon ein starkes Statement: dass da eine Band aus der Indie-Szene das Gitarrensolo feiert, also das Gitarrensolo an sich, das in den Anfangstagen von Wilco ungefähr so verpönt war wie Vokuhila-Frisuren. Damals war ja gerade noch der Grunge im vollen Gange und virtuoses Muckertum eher ein Anlass zum Schämen.
Nels Cline, der mit 63 Jahren deutlich älter ist als der Rest der Band und in den 80er-Jahren avantgardistischen Jazz gespielt hat, hat sich in dieser Situation mit einem epischen Rettungsakt verdient gemacht. "Impossible Germany" gerät einmal mehr zum absoluten Höhepunkt eines Wilco-Konzertes.
Aber es gibt im Tempodrom auch ganz neues Material. Ihr angekündigtes Album "Ode To Joy" soll zwar erst am 4. Oktober erscheinen, einige der Songs spielen Wilco aber schon einmal ihren Berliner Fans vor. Und zwar gleich zu Beginn: "Bright Leaves" und "Before Us" heißen die ersten beiden Songs, die praktisch noch niemand kennt.
Die Besucher in der bestuhlten Manege des Tempodroms – was für eine grandiose Fehlentscheidung, den Innenraum für diese Band mit Sitzgelegenheiten zuzupflastern – hält es da schon kaum noch auf den Plätzen. Viele strömen durch den Mittelgang nach vorne an den Bühnenrand; da bleibt den anderen gar nichts übrig, als ebenfalls aufzustehen, um noch etwas sehen zu können.
Fabelhafte Stimmung und reichlich Bewegung schon ganz am Anfang und bei unbekannten Stücken – Wilco sind um ihre empathischen, aufmerksamen Fans zu beneiden! "Ich bin froh, heute Abend viele Kids zu sehen", so charmiert der gewohnt nachlässig gekleidete Frontmann Jeff Tweedy, "denn unsere normalen Fans werden alt und sterben".
Die 1994 gegründete Band, die seit 2004 in dieser Besetzung zusammenspielt, hat natürlich längst ihren Markenzeichen-Sound gefunden: flirrende Gitarren, rumpelndes Schlagzeug und die dezent heisere Stimme von Frontmann Jeff Tweedy (52). Aber das virtuose Sextett spielt auch immer wieder gegen die eigenen Klischees an, kontrastiert seinen gitarristisch beflissenen Southern Rock mit schrundigen Punk-Attacken, streut Folk-Balladen in frickeligen College-Rock ein.
Mustergültiges Beispiel für die Gratwanderung, die die sechs Musiker seit Jahren miteinander vollziehen, ob im Studio oder auf der Bühne: Das Stück "Via Chicago" vom Album "Summerteeth"(1999), in dem Jeff Tweedy stoisch den Country-Barden gibt, während ein Teil der Band zwischendurch immer wieder zu urplötzlichen Lärmausbrüchen anhebt, allen voran der hyperaktive und dabei doch ultracool agierende Schlagzeuger Glenn Kotche.
Nicht alle Klassiker aus 25 Jahren finden Platz im Konzert. Das elektrifizierte, trippige "Art Of Almost" etwa bleibt ungespielt, ebenso die mehr als zehn Minuten lange Folk-Ballade "One Sunday Morning".  Die Fans aber sind beglückt von so viel Spielfreude, von Jeff Tweedys Songwriter-Poesie und ausdrücklich auch von den ganz neuen Stücken.
Als die Band vor dem Zugabenblock kurz hinter der Bühne verschwindet, da flackert eine schmale, wehende US-Flagge über die Videoleinwand, im Hintergrund Meereswellen. Der Sturm hat sie schon fast von ihrem Mast gerissen. Wilco war nie eine besonders politische Band, in derlei vorsichtigen Anspielungen schimmert aber doch die Kritik am Weg des Landes unter Präsident Donald Trump durch.
Im Übrigen kommt der zweieinviertel Stunden lange Abend praktisch ohne spektakuläre Showelemente aus. Wer musikalisch derart viel zu bieten hat, kann sich jede Form von Understatement erlauben.
Keine Frage: Wilco ist für viele der Zuschauer im nicht ganz ausverkauften Tempodrom eine Lieblingsband. Über die Jahre sind sie zu einer Konstante im Leben vieler Menschen geworden. Und in dieser Phase ihrer Karriere glückt ihnen offenkundig alles.