Mal verwendet er Öl, mal Acryl, dann wieder Aquarellfarben oder buntes Farbspray. In jedem Fall wird das Endprodukt abstrakt, denn "Realistisches hat mich nie interessiert", sagt Böttger. Er komme aus dem Expressionismus, findet Kubismus spannend, seine Werke erinnern an Basquiat oder Kandinsky, ein bisschen auch an Picasso. Wild, beinahe chaotisch zusammengesetzt wirken die Farben und Formen auf den Leinwänden im Atelier des 45-Jährigen im Berliner Wedding.
Interpretieren will er seine Kunstwerke nicht, denn "die Bilder haben eine eigene Sprache. Manchmal habe ich eine konkrete Idee, die ich umsetzen will. Manchmal funktioniert das aber nicht, ich verliere die Idee und gewinne dafür etwas Neues." Jedes Bild führe ein Eigenleben. Er selbst lebt inmitten seiner Kunst. Das geräumige Atelier, vollgestellt mit klein- bis großformatigen Leinwänden, Schablonen, Farbtöpfen, Spraydosen und Pinseln, geht nahtlos in die Küchenzeile seines Wohnbereichs über.
Von Kunst umgeben ist der gebürtige Meißner, aufgewachsen in Finsterwalde, von klein auf, denn schon sein Vater, Eckhard Böttger, war zu DDR-Zeiten ein bekannter Maler. "Bei uns daheim ging es immer um Kunst, und meinen Vater darüber reden zu hören, hat mich bereichert", sagt er. Selbst wäre er eigentlich lieber Musiker geworden, doch ihm fehlte die klassische Ausbildung, auch das Abitur hat er nicht. Die Kunstakademie in Dresden hat ihn dann trotzdem genommen, er studierte bei Hans-Peter Adamski, und kam über Stipendien nach New York und nach Moskau.
In der Provinz leben? Geht nicht.
Die Gegensätzlichkeit dieser beiden Städte und Länder hat ihn geprägt. Vor den Auslandsaufenthalten sei er eher schüchtern gewesen; New York habe ihn anfangs überfordert, doch er sei schnell mit Menschen in Kontakt gekommen. In Russland sei das schwieriger gewesen, er habe viel Elend erlebt. "Dann habe ich aber gemerkt, dass die Russen eine total stolze Menschennatur haben. Das hat mich beeindruckt", sagt Böttger.
Nach den Großstadterfahrungen sei es für ihn undenkbar gewesen, nach Sachsen oder Brandenburg zurückzuziehen. "Um Themen für die Kunst zu finden, muss ich mich an Dingen reiben, auch gegensätzliche Erfahrungen machen können." In Deutschland sei der einzige Ort dafür Berlin, wo Böttger seit 2004 lebt.
Als sein Vater vor zehn Jahren an der Nervenkrankheit ALS starb, zog er für eine Weile mit seinem jüngeren Bruder Martin zusammen, ebenfalls freischaffender Künstler. In dieser Zeit habe er nicht malen, sich auf nichts mehr konzentrieren können. "Ich hätte nicht gedacht, dass mich der Tod so aus der Bahn wirft", sagt er. Dafür begann er  mit dem Bruder Musik zu machen, mit zwei anderen Freunden gründeten sie die Band "Baut". "Dadurch war ich anders beschäftigt als sonst", erklärt er. "Die Kunst im Atelier ist einsam, da bleiben Probleme im Kopf. Aber je lauter man Musik macht, desto mehr kann man sie wegboxen."
2017 erkrankte seine Mutter Monika an Brustkrebs, den sie inzwischen jedoch besiegt hat. Ihre Krankheit habe Böttger nie so sehr an sich herangelassen, wie das unheilbare Leiden seines Vaters. "Das war vielleicht ein bisschen ignorant, aber auch ein Schutzmechanismus", sagt er.
Ein freier Künstler kann sich nicht leisten, der schöpferischen Spielwiese zu lange fern zu bleiben. Allgemein sei das Leben als Künstler eine Herausforderung. Böttger stellt immer wieder aus, zuletzt im Herbst in der Ausstellung "Kunst gegen Rechts" in Erfurt. Wenn er eines seiner übermenschengroßen Gemälde verkauft, habe er mal eine Weile viel Geld, dann wieder wenig.
Sich selbst sieht er als Teil der Natur, er glaube an Natur statt an Gott, "so indianermäßig", sagt er. In diesem Glauben scheinen Natur und Kunst, wie die Metapher der Spielwiese suggeriert, nah beieinander zu liegen. Theo Böttgers Bilder beleben sein Atelier nicht weniger als seine Grünpflanzen. Nur sterben können sie nicht.

Theo Böttger im Buch "Wir sind für dich da!"


Im Zusammenhang mit der Krebserkrankung seiner Mutter taucht Theo Böttger in dem Buch "Wir sind für dich da! Krebs und Familie – 11 Reportagen" auf (Herder-Verlag, 2019), das von Rocco Thiede und der Deutschen Krebshilfe herausgegeben wurde. Darin beleuchten elf Autoren die Krebsdiagnose aus der Perspektive von Familienmitgliedern. Im Kapitel "Mutter ist eine starke Frau"  schildern die Brüder Theo und Martin Böttger, wie sie nach dem frühen Tod ihres Vaters mit der Krankheit der Mutter umgegangen sind. ltb