Die schmale kopfsteingepflasterte Weberstraße war damals sicher nicht die präsentabelste Ecke von Kyritz, auch wenn das Franziskanerkloster ganz um die Ecke lag. Noch in den Achtzigern war das hier eher eine No-Go-Area, die schmale Gasse hieß im Volksmund "Hexengasse", als Frau sei man hier nicht gern abends allein durchgegangen, erzählt Andreas Heine, der als gelernter Gastronom seiner damaligen Freundin in ihre Heimatstadt folgte und heute als Hotelier die Häuschen vermarktet. Bis in die Achtziger seien sie noch bewohnt gewesen, dann aber zunehmend verfallen, am Ende wuchsen die Bäume aus dem Dach.
Heute ist das kaum mehr vorstellbar: Die frisch sanierten Häuschen sind Schmuckstücke geworden, denkmalgerecht saniert vom Wittstocker Architektenbüro Kannenberg & Kannenberg, und dafür 2019 auch mit dem Brandenburgischen Denkmalpreis ausgezeichnet. Drei Häuser waren 2018 fertig, drei weitere sind im vergangenen Jahr hinzugekommen. Heute werden sie als Ferienquartiere für Individualtouristen genutzt, gerne auch als Unterkunft für Filmteams oder andere Kulturveranstalter. "Wir haben viele Gäste, die aus historischem Interesse kommen und wegen des Denkmalwerts", erzählt Andreas Heine. Es gäbe sogar einen Gast, der sich vorgenommen habe, in jedem Haus einmal zu übernachten.
So historisch die Umgebung, so modern ist die Idee. Die Reduktion auf das Wesentliche, das Loswerden von Ballast, der Rückzug vor Luxus, das folgt einem Trend, der sich in Aufräum-Ratgebern à la Marie Kondo und Minimal-Einrichtung manifestiert. Alles, was man zum Leben braucht, und keinen Quadratmeter zu viel – damit bedienen auch diese Budenhäuser einen weltweiten Trend in Richtung Konzentration. Tiny Houses, Kleinsthäuser, entstehen in umgebauten Schäfer- oder Wohnwagen, als Wochenendhaus im Grünen oder Studentenquartier auf engem Raum. Wobei dabei nicht nur die seit der Finanzkrise ab 2007 vor allem in den USA begehrte Möglichkeit kostengünstigen Wohnens eine Rolle spielt, sondern auch die Entscheidung für ein nachhaltigeres Wohnen und Leben.
Ökologisch korrekt sind auch die Kleinsthäuser in Kyritz und greifen dabei auf alte Bautechniken zurück: Die Lehmwände speichern Wärme und Kälte, nehmen Feuchtigkeit auf und sorgen für ein gutes Raumklima, Fußboden und Wände werden mit Umluftheizung wahlweise erwärmt oder gekühlt. Hier war viel praktischer Verstand am Werk: Einbauschränke und Küchenzeilen sorgen für platzsparende Staumöglichkeiten und fungieren gleichzeitig als Raumteiler, den Boden bildet polierter Gußasphalt, die Betten sind auf die Galerie im offenen Dach verbannt und per Hühnerleiter zu erreichen. Lichtbänder oberhalb des historischen Mauerwerks im Klosterformat sorgen für indirekte Beleuchtung, ein Austritt ermöglicht den Blick in den Gemeinschaftsgarten hinter den Häusern, wo man in einem Schuppen das Fahrrad oder größere Gepäckstücke unterstellen kann  – so viel Stauraum ist dann doch  nicht. Nur für das Problem, dass neugierige Passanten ständig zum ebenerdigen Fenster hineinsehen, hat Andreas Heine noch keine Lösung gefunden. Vor den Blicken kann man sich im Einraum-Wohnen schlecht verbergen.
Infos:www.landhotel-heine.de