Lehrstunde Montagsdemo: Leipzig 1989 - ein Zeitzeuge erinnert sich
Vom Bahnhof in Leipzig ging es wie immer zu Fuß durch die Innenstadt zur Uni. In Höhe der Nikolaikirche verstellten Bauzäune Sicht und Zugang. Schon seit Wochen war die Kirche mit Friedensgebeten und Fürbitten für Verhaftete in aller Munde, in den Westmedien tauchten Bilder von Transparenten auf, die mutige Oppositionelle hochhielten, bis Stasileute sie schnell herunterrissen. Wir Studenten waren neugierig. Was passiert da? Wer sind die, die Honecker im "Neuen Deutschland“ als Rowdies beschimpfen lässt und die Westmedien als Bürgerrechtler feiern? Was wollen sie? Warum? Alles Fragen, die zu stellen wir an der Uni gelernt hatten. Wer in der DDR Journalist werden wollte, musste dafür ins „Rote Kloster“ nach Leipzig, wie die Journalistik-Sektion der Karl-Marx-Universität spöttisch genannt wurde. Schreiben lernen für die Partei war das Motto, wir sollten die Politik der SED offensiv vertreten und verteidigen. Parteilich sein. Was haben wir damals diskutiert, dass das objektiv nicht geht. Wir wollten ja selbst Presse- und Meinungsfreiheit, Glasnost und Perestroika, forderten Westfernsehen im Studentenheim.
Ein paar von uns versuchen, eine eingeschlafene Übungszeitung der Journalistik-Studenten wiederzubeleben und vorbei an der Zensur mit Reformthemen und Interviews von kritischen Köpfen zu veröffentlichen. Blauäugig war das, vielleicht auch gefährlich. Unser Heimzimmer wurde durchsucht, vielleicht fingen sie auch Briefe ab, die wir an Christa Wolf und Christoph Hein schrieben, waren bei den geheimen Lesungen oder Kunstausstellungen von Regimekritikern in Keller-Galerien dabei. Keiner von uns ahnte auch nur im geringsten, was da gerade passierte.
An der Uni gab es damals nicht nur Stasikontrolle und Hardliner, sondern auch Sympathisanten von Veränderung, die uns förmlich anflehten, hinzuschauen, was jetzt auf der Straße passiert, hinzugehen zur Montagsdemo und hinzuhören, was die Menschen fordern. Sie riskierten damit Kopf und Kragen. Aber sie haben nicht wenige der Studenten bewegt.
Ich erinnere mich an eine dieser Montagsdemos vor der großen am 9. Oktober. Die Menschen liefen bereits auf den Ring, wurden aber noch vor dem Hauptbahnhof auseinandergetrieben. Ein Freund und ich wollten den Protestzug fotografieren. Klar hatten wir Angst. Aber wir wollten auch festhalten und beweisen können, was wir ja selbst kaum glaubten. In Höhe der Hauptpost begannen die Ersten zu rennen. Drahtige Männer rannten ihnen hinterer. Stasi. Mein Freund klaubte schnell den Film aus der Kamera. Jeder von uns nahm eine Filmpatrone und wir rannten in unterschiedliche Richtungen weg. Am Abend sahen wir im Fernsehen, dass es Bilder von der Demo in der Messestadt ins Westfernsehen geschafft hatten.
An jenem historischen 9. Oktober, zwei Tage nach der Jubelfeier zum Republikgeburtstag, herrschte eine gespannte Unruhe. Lehrkräfte, denen wir vertrauten, forderten uns auf, mit in die Nikolaikirche und zur Demo zu gehen. Das war mehr als die Aufforderung zur Lehrstunde des Lebens für angehende Journalisten. Es war die Sorge um das zarte Pflänzchen Protest und die vage Hoffnung, dass es so viele Menschen werden, dass die Staatsmacht sie nicht mehr abdrängen, einkesseln und isolieren konnte. Natürlich hatten wir alle im Kopf, dass es auch eine „chinesische Lösung“ geben kann.
Gesiegt hat letztlich die Neugier. Sie hat uns belohnt, bei einem der ergreifendsten Momente der Friedlichen Revolution dabei gewesen zu sein. Längst waren der Nikolaikirchhof um die Kirche, die Straße vor der Uni und Teile des Augustusplatzes voller Menschen, als wir den Aufruf zu Gewaltfreiheit über den Stadtfunk hörten. Der prominente Gewandhauskapellmeister Kurt Masur wurde als Verfasser genannt. Wir sahen uns ständig nach Polizei und Armee um. Dass Einsatzkräfte in Größenordnungen bereit standen, die Demonstration jederzeit aufzulösen, war allen klar. Dennoch hatten sich so viele Menschen auf die Straße getraut. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Wie wir unsicher und ängstlich, mit jedem Meter auf dem Ring zuversichtlicher und mutiger wurden. Immer wieder sagten wir einander begeistert, dass da gerade etwas Großes passiert und plapperten unwissend drauf los: „Das ist nicht zu stoppen. Jetzt wird sich alles ändern. Einfach alles.“ Wir dachten an Reformen.
Einen Monat später erfuhren wir, dass die SED in der Volkszeitung einen Aufruf zur Gegendemo plane. Wir zogen vors Rathaus, um vom Oberbürgermeister zu fordern, das zu verhindern, weil wir eine Provokation zur Gewalt befürchteten. Am Abend im Wohnheim flimmerten dann die Bilder von der Maueröffnung über die Mattscheibe. Es gab keine Gegendemo mehr.
Wir Studenten haben damals keine Revolution gemacht. Aber einige von uns waren dabei. Den Leipzigern bin ich noch heute sehr dankbar dafür, dass ihr Mut den friedlichen Weg zu Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit erzwungen hat.
P.S.: Der Agentur-Fotograf auf der Montagsdemo hat zufällig auch diesen neugierigen Journalistik-Studenten aus Schwedt in seinem Bild festgehalten – zu finden in der Mitte neben dem Banner.


