Mit Gegebenheiten hat sie sich nie abgefunden – weder mit den politischen noch mit denen der Sprache. Das macht sie zu einer "poetischen Instanz". "Ich habe den Verhältnissen gekündigt,/ sie waren falsch", schrieb sie schon 1965. Nicht von ungefähr nannte ihr Dichter-­Kollege Volker Braun sie einmal ihres literarischen Temperamentes wegen die "Flip-out-Elke".

Literatur in die Wiege gelegt

"Elke Erb gelingt es wie keiner anderen, die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen, indem sie sie herausfordert, auslockert, präzisiert, ja korrigiert", heißt es in der Begründung der Jury. "Für die unverdrossene Aufklärerin ist Poesie eine politische und höchst lebendige Erkenntnisform." Der mit 50 000 Euro dotierte Georg-­Büchner-Preis wird am 2. November in Darmstadt verliehen. Keine Frage: Elke Erb ist eine würdige Preisträgerin. Dem Namens­geber, der selbst ein temperamentvoller Revolutionär war, hätte die Konsequenz dieser Dichterin sicher gefallen.
Die Literatur wird ihr schon in die Wiege gelegt. Weil der Vater Ewald Erb, Literaturwissenschaftler und überzeugter Marxist, glaubt, den Sozialismus mit aufbauen zu müssen, geht er 1949 in die gerade gegründete DDR und holt seine Familie nach Halle an der Saale nach. Die 1938 in Scherbach in der Eifel geborene Elke, die mit Daniel Defoes "Robinson Crusoe" die Insel der Literatur für sich entdeckt hat, ist da gerade mal elf Jahre alt. Ein Lehramtsstudium absolviert sie, weil der Vater es so will. Das aber ist nichts für sie. Also geht sie zum Mitteldeutschen Verlag und wird Lektorin. "Nach zwei Jahren habe ich dort gekündigt. Denn ich war nach dem ersten Jahr in der Nervenklinik und nach dem zweiten auch", wird sie später in ihrer unverkennbaren Art sagen. Sinnlos sei es gewesen: "Ich wollte eigentlich leben – und dann haben die solche unsinnigen Manuskripte gedruckt. Es war ein Parteiverlag."

Humor und Ironie

Bevor sie aber geht, bringt sie mit Karl Mickel und ihrem späteren Ehemann Adolf Endler 1966 die Anthologie "In diesem besseren Lande" heraus. Immer wieder wird sie als Herausgeberin aktiv ("Jahrbuch der Lyrik"), übersetzt Autorinnen wie Marina Iwanowna Zwetajewa oder Olga Martynova. In ihrem Herzen aber ist sie Dichterin. Ihre Verse zeichnen sich durch flirrenden Humor und untergründige Ironie aus. "Die Sprache", davon ist sie überzeugt, "ist ein lebendiges Ding und nicht etwas, was schon festgelegt ist."
1968 veröffentlicht sie ihre ersten Gedichte und heiratet Endler. Mit dem Band "Gutachten", der Poesie und Prosa enthält, erscheint 1975 ihr erstes Buch. Ihr bekanntestes Werk aber wird der Band "Kastanienallee" (1987).
Von der Welt entrückt in ihrer Wahlheimat Wuischke in der Lausitz und in Berlin baut sie sich eine Insel aus Versen. Weltfremd ist sie deswegen nicht. Sie begreift sich durchaus als politische Schriftstellerin. "Ich schreibe über Themen, wo es schmerzt. Bei Politik schmerzt es sowieso. Aber es ist wiederum nicht so, dass die anderen Texte eine heile Welt haben." Konflikte scheut sie nie. Sie sympathisiert mit der Friedensbewegung und protestiert 1983 gegen die Ausbürgerung des Bürgerrechtlers Roland Jahn. Sie selbst wird von der Staatssicherheit observiert. Als sie Anfang der 80er Jahre einen Sammelband mit den jungen Wilden vom Prenzlauer Berg herausgeben will, wird das verboten. "Ich weiß noch, dass der Verlagslektor fragte, ob diese jungen Autoren Versager seien gegenüber der Realität. Und ich sagte: Nein, die Realität hat versagt." Die Anthologie "Berührung ist nur eine Randerscheinung" darf 1985 nur in der Bundesrepublik ­erscheinen.
An die 30 Bücher hat sie bis heute veröffentlicht, zuletzt 2019 den Band "Gedichtverdacht". Sie hat den Peter-Huchel-Preis (1988) und mit ihrem ehemaligen Mann Adolf Endler den Heinrich-Mann-Preis (1990) verliehen bekommen, den Ernst-Jandl-Preis (2013) und zuletzt noch das Bundesverdienstkreuz (2019). Jetzt also der Büchner-Preis. Gar nicht mal schlecht für eine, die so früh schon den Verhältnissen gekündigt hat.
Lesen Sie hier auch den Kommentar von Christina Tilmann: Später Lorbeer

Der wichtigste Literaturpreis


Der Georg-Büchner-Preis wurde 1923 vom Landtag in Hessen in Erinnerung an den Schriftsteller Georg Büchner gestiftet. Seit 1951 wird er jährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt verliehen. Er ist der renommierteste und höchstdotierte Preis für deutschsprachige Autoren. red