Schriftsteller Karl May (1842-1912) lebte ab 1888 in Radebeul und schrieb dort wesentliche Teile seines Gesamtwerks. 1895 kaufte er das Anwesen und ließ persönlich die goldenen Letter "Villa Shatterhand" an der Fassade anbringen. 1926 wurde die Villa Bärenfett gebaut. Mays Witwe Klara eröffnete 1928 mit der Sammlung des Indianerfreundes Patty Frank das Museum, um Leben und Werk ihres Mannes in Verbindung mit kulturellen Reichtümern der Menschen zu bringen, über die er schrieb.
Für den Karl-May-Experten Andreas Brenne ist das Museum "eine Art Zeitkapsel, wo der Karl May der 1920er Jahre ein Stück weit konserviert worden ist". Der interessiere aber immer weniger Besucher, "weil die den alten Karl May eben nicht mehr so kennen oder nur nostalgisch wahrnehmen können". Der für die Modernisierung 2018 engagierte Museologe Christian Wacker gab im Mai 2020 den Versuch auf, einen zeitgemäßen Blick auf ein altes Phänomen sichtbar zu machen, die Person May und die Sammlung des Museums offen und transparent zu erforschen.

Deutungshoheit des Phänomens Karl May

Wacker beklagte einen Mangel an Offenheit im Umgang mit May bis hin zu Restriktionen und rückwärtsgewandte Denkstrukturen. "Es war unmöglich, May neu zu bewerten", resümiert er und sprach von "Karl-May-Predigern, die zu sehr emotional mit der Figur verwoben sind". Verehrer könnten nicht offen und kontrovers mit dem Verehrten umgehen. Brenne, Professor für Kunstdidaktik und -pädagogik an der Universität Osnabrück, spricht gar von Kulturkampf, weil der neue Blick von Kulturwissenschaftlern und Museologen bisherige Sichtweisen in Frage stellt. Es gehe um die Deutungshoheit des Phänomens Karl May. Der Präsident des Stiftungskuratoriums Robert Straßer spricht von einer Richtungsentscheidung, ob die Person, Mays Werk oder die ethnografische Sammlung zu Indianergeschichte sowie Orientalistik in den Fokus gestellt werden.
Im Zuge von Wackers Rücktritt, der die Schwierigkeiten öffentlich machte, wurde der Stiftungsvorstand neu besetzt. Mit der Mischung von Expertise aus Literatur und Ethnografie soll die Neuausrichtung gelingen, um in Zukunft alle Aspekte zu Karl May zu beleuchten: "ein Mix aus der Geschichte von Karl May, seinem literarischen Werk und den ethnografischen Aspekten", sagte Straßer. Das Museum führt nun ein Mitstreiter von Wacker – und das von ihm Begonnene fort. "Entschieden ist der Kulturkampf damit aber noch nicht", meint Brenne unter Verweis auf eine "Rochade": Ex-Vorstandsmitglieder im Stiftungskuratorium. "Das ist ein potenzieller Keimort für mögliche neue Widerstände."
Auch die Karl-May-Gesellschaft hofft, dass die Probleme mit dem Museum nun Geschichte sind. "Die Deutungshoheit von Karl May in Radebeul war sehr lange Zeit fest in der Hand einer alten Garde, die mit durchaus guter Absicht, aber sehr konservativer Lese- und Filmerfahrung aus den 60er, 70er Jahren bestimmend war", sagt Vorstandschef Florian Schleburg. Aber May sei keine staubige Ikone, sein Charakter ungleich komplexer als das Abenteuerschriftsteller-Klischee. Das müssen auch die Hüter des Museums, dem "Kronjuwel des Mayschen Erbes", einsehen. "Karl May muss vom Sockel."