Immer wieder hat die 1937 in Falkenhain/Schlesien geborene Helga Schütz über ihren Garten in Potsdam-Babelsberg geschrieben. Seit sie nach der Volksschule eine Lehre beim VEB Gartenbau und Landschaftsgestaltung in Dresden absolviert hat, ist sie den Blumen verfallen. Auch in ihrem neuen Buch lädt sie ihre Leser ein zu sich nach Hause ins Potsdamer Arkadien. So mancher der 24 kurzen Texte ist schon mal in einer Zeitschrift wie "Country" oder "Architektur & Wohnen" erschienen. Für das Buch hat Helga Schütz sie alle noch einmal überarbeitet. Dabei ist so manche Entdeckung zu machen. Etwa das alte Holzrad, das in ihrem Gartenzimmer am Fenster lehnt. Es stammt von dem Handwagen, mit dem sie als Kind während des Zweiten Weltkrieges aus Schlesien flüchtete. "Wir Enkel haben uns dieser Tage je ein Rad genommen. Der Rest ist Rauch, Geschichte, wir sind die Allerletzten."
In den Trümmern von Dresden wuchs Helga Schütz auf. In ihrem Roman "Knietief im Paradies" (2005) lässt sie ihr Alter Ego Eli eindringlich davon berichten. Nach der Schule wollte sie eigentlich Gärtnerin werden. Aber alles kam anders. In ihrem autobiografischen Roman "Sepia" (2012) erzählte sie von ihrer Jugend in den 60er-Jahren. Wieder war es jene Eli, der sie die eigenen Worte in den Mund legte, die sie die eigenen Erfahrungen noch mal durchleben ließ. Weil sie von einer Schule erfuhr, die den Lernenden Mittagessen zu Verfügung stellt, bewarb sie sich in Potsdam-Babelsberg und wurde prompt genommen. Von Kinematografie hatte sie keine Ahnung. Aber als Kind der Arbeiterklasse erfüllte sie alle Voraussetzungen. Den Großvater ließ sie in Dresden zurück. Als sie ihn später besuchte, hatte der aus ihrem Bett ein Kompostgehege gebaut. "Das Nest ist kaputt, Frau Vogel ist frei." Authentisch gibt "Sepia" das Aufbruchsgefühl der 17-Jährigen wieder, für die in der jungen DDR alles möglich zu sein schien. "Fahrrad, Schreibmaschine und Schlafsack." Mehr brauchte sie nicht, um glücklich zu sein.
Doch das Leben war nicht so unkompliziert. Mit dem Bau der Mauer zog die Realität ein. Die Kinobesuche im Westen hatten ein Ende. Die Fahrräder durften auf einmal nicht mehr auf dem Hof abgestellt werden, sondern nur noch im Treppenhaus, weil sie sonst als Leiter zur Flucht über die Mauer hätten dienen können. In "Sepia" beschreibt Helga Schütz auch, wie die Mutter eines Kommilitonen von den Grenzern festgenommen wurde, nur weil sie auf der Suche nach Berberitzen das Sperrgebiet betreten hatte. Oder wie Ludwig, der Geliebte von Eli, türmt. Jeden Sonntag winkt sie ihm zu, wie verabredet, auf der anderen Seite des Sees, durch dessen Mitte die neue Staatsgrenze verläuft. Was aber ist an Nebeltagen?
Wer will schon sagen, wo die Dichtung aufhört und die Realität anfängt. Immer wieder diente Helga Schütz das eigene Leben als Ausgangspunkt für ihre literarischen Erkundungen. Mit Büchern wie "Jette in Dresden" (1977) und "Grenze zum gestrigen Tag" (2000) hat sie sich eingeschrieben in die deutsche Literaturgeschichte. In ihrem neuen Buch schreibt sie, wie sie als Studentin der Filmhochschule zum Geldverdienen im Staudengarten von Karl Foerster (1874-1970) in Potsdam-Bornim arbeitete. Noch heute packt sie ein bisschen der Neid, wenn sie die herrlichen Verbenen in Foersters sagenhaftem Senkgarten sieht. Schenkte ihr Marianne Foerster (1931-2010), die Tochter des Staudengärtners, ab und an eines der wunderschönen Exemplare, so dauert es nicht lange, bis es aus ihrem eigenen Garten wieder verschwunden war. Zu ungünstig sind für Verbenen einfach die kargen Bedingungen im sauren, sandigen "Kiefernwald".
Es sind keine großen Geschichten, die Helga Schütz erzählt, eher zarte Miniaturen, aus denen ihre ganze Liebe zum Leben und zur Natur spricht. Wenn in den Nachbargärten schon die Mähmaschinen zu hören sind, freut sie sich noch über einen vereinzelten Krokus, der vom Steingarten in die Wiese gewandert ist. "Sogar der Kater macht einen höflichen Bogen um die aparte Erscheinung." Und wenn die Schnecken wieder mal über ihre Blumen herfallen, läuft sie lamentierend um das Gelände herum, um mit bloßen Beschwörungen Erfolg zu haben, so wie Lukian das in seiner Geschichte vom Winzer Midas beschrieben hat. Die Worte aber helfen nicht. Also sammelt die Schriftstellerin an Partyabenden doch wieder "die Neigen aus Gläsern und Flaschen" und bekämpft die verdammte Schneckenplage nach alter Sitte mit Bier.
Immer versteht es Helga Schütz, ihrem Garten eine ganz eigene Poesie abzulauschen. Gerne folgt man ihr und lässt sich verzaubern. Ihre liebevollen Beobachtungen schärfen die Sinne für das Unscheinbare und Kleine. Ihre Sätze haben Rhythmus, ihr Erzählton klingt nach. Ganz egal, ob sie von der 1854 gepflanzten Magnolie im Park Sanssouci erzählt, deren Mut sie bewundert, weil sie trotz des nordischen Winters jedes Jahr aufs Neue mit ihren stolzen Blüten dem Frost trotzt. Oder über die geheimnisvolle Blaue Blume der Romantiker mutmaßt, dass es sich bei ihr ohne Frage um Rittersporn handeln müsse. Mit Helga Schütz in die Blumen zu gehen, ist immer eine wahre Freude.
Gerne hätte sie einen persönlich in ihrem Potsdamer Gartenreich empfangen, wie sie das schon mit so vielen Gästen getan hat. Sie hätte einem die neuesten Stecklinge und die dunklen Koniferen gezeigt, die im Sommer kaum auffallen und erst in den dunklen Wintermonaten mit ihrem satten Grün "in gemeinsamer Ordnung ein paar Schritte aus der hinteren Reihe in den Vordergrund tänzeln". Aber die Corona-Krise lässt einen Besuch bei der 82-jährigen Schriftstellerin nicht ratsam erscheinen. Es bleiben ihre wundervollen Bücher. Wer so schön von Rosen und Primeln erzählt bekommt, der muss sie nicht wirklich mit eigenen Augen gesehen haben. Wer, wenn nicht eine Schriftstellerin wie Helga Schütz, hat das Zeug dazu, einen mit ihren liebevollen Blumengrüßen zu betören?
Helga Schütz: "Von Gartenzimmern und Zaubergärten". Aufbau, 200 S., 22 Euro