Der Leipziger Maler Roland Borchers stellt auf der Burg Beeskow neueren Arbeiten Werke aus den 80ern gegenüber
Unscheinbar sieht sie aus, eine graubraune, runzlige Knolle. Einmal vom Wind losgerissen, treibt sie durch die Wüste, bis sie auf Wasser stößt. Dann aber passiert das Wunder: Die Rose von Jericho erblüht in ungeahnter Schönheit. Eine Pflanze mit Symbolcharakter, auch für Roland Borchers. Seit vier, fünf Jahren beschäftigt sich der Leipziger Maler, Jahrgang 1958, mit der Wüstenrose. Er setzt sie gleich mit einem Transporteur von Geschichte, von Erfahrungen, von Leben und hat ihr ganze Serien großformatiger Ölbilder gewidmet. Zusammen mit weiteren Arbeiten Borchers' ist ein Teil davon unter dem Titel "Passage" jetzt auf der Burg Beeskow(Oder-Spree) zu sehen.
Wie der Meisterschüler von Arno Rink sein Thema fasst, kann ganz unterschiedlich sein. "Manchmal", sagt er mit einem verschmitzten Blick auf sein Werk "Zur Rose von JerichoII"(2008), "kann es auch ein bisschen wie die Milchstraße aussehen". Oder wie ein interstellarer Nebel, der sich langsam im Blaugrau des Kosmos' ausbreitet. Mal scheint der Maler mit dem Pinsel den unzähligen Verästelungen der Pflanze nachzuspüren, ihre Form in eigene Zeichen zu übersetzen. Dann wieder interessiert er sich mehr für das, was die Rose symbolisiert, geht Zusammenhängen nach, schafft neue.
"Es ist die Sprache der Natur, die sich in mich gegraben hat", hat Borchers vor zehn Jahren in "Gedanken beim Malen" notiert. Auf seinen Bildern findet sie direkt Eingang, geben kleine Muscheln, Blütenblätter den Arbeiten zusätzlich Struktur. Er mag diese haptische Qualität der Oberfläche, ihre Sinnlichkeit. "Der Betrachter kann förmlich in jede Pore kriechen", sagt Borchers.
Der Leipziger Künstler hat sich seine Motive nicht immer so erschlossen. Wie sich seine Bildsprache verändert hat, auch das kann man jetzt in Beeskow sehen - ein Novum. Ausgegangen ist es von Borchers' Werk "Im Turm"(1983/86), das zur Sammlung des Beeskower Kunstarchives gehört und auf der Burg vor knapp zwei Jahren in der Ausstellung "BilderBühnen" zu sehen war. "Es entstand die Idee, die Schau zu teilen und neben neueren auch Arbeiten zu zeigen, die noch etwas mit diesem Bild zu tun haben", erklärt Borchers.
Zumal sich so die Gelegenheit bot, einmal eine Serie zu präsentieren, die es zu DDR-Zeiten nie in eine Ausstellung geschafft hat. Und man ahnt, warum. Ende der 80er-Jahre noch dem Figürlichen verpflichtet, ist Borchers' Menschenbild keineswegs hoffnungsfroh und der Zukunft zugewandt. Auf seinem "Mechanischen Abendmahl" wird ein Körper ausgeweidet, von anonymer Maschinenhand zerschnitten; "Fressen" zeigt, wie sich jemand am rohen Fleisch labt. Im Bild "Die Nacht" wiederum wirkt der Schlafende wie in einen Kokon eingehüllt, sediert, bewegungsunfähig.
Roland Borchers findet es toll, "sich selbst über diesen Zeitraum wiederzuentdecken", wie er sagt, "Ich habe die Bilder damals so weit getrieben, bis ich sie nicht mehr ertragen konnte. Ich spürte einfach, dass ich eine Veränderung brauchte. Und öffnete mich so nach und nach von der Figur weg hin zur abstrakten, monochromen Malerei."
Geboren werden seine Motive aus einer Beobachtung, einem Erlebnis, einer Situation. Mal sind es dunkle Flecken geschmolzenen Schnees, den ausparkende Autos auf seinem Hinterhof hinterlassen haben, die ihn inspirieren, dann eine Gedenktafel an Zwangsarbeiter, die bei einem Brand ums Leben kamen. In seinen Bildern sucht Borchers eine Entsprechung für das, was ihn in diesem Augenblick bewegt hat - und hin und wieder fasst er es auch in Worte. "Natürlich muss ein Bild für sich stehen, aber manchmal, wenn ich einen gewissen Zugang andeute, findet der Betrachter noch eine andere Ebene für sich." Zu seiner dreiteiligen Arbeit "Quadriga und Passage" beispielsweise hat er gleich mehrere Seiten verfasst, die man im Internet nachlesen kann. "95Prozent meiner Zeit verbringe ich im Atelier, male und sage kein Wort", erklärt Borchers. So gesehen sei auch das Schreiben nur ein weiterer Versuch, "eine Form für mich zu finden".
"Passage. Roland Borchers. Malerei", bis 7.10., Di-So 9-19Uhr, Burg Beeskow, Frankfurter Str.23; www.roland-borchers.de
Vom Figürlichen zum Abstrakten: "Cockpit I" (1988, l.) und "Tangente" (2010) von Roland Borchers Fotos: Karl-Heinz Arendsee
Von der Natur inspiriert: Roland Borchers Foto: promo
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