Marieta Tabberts Spaziergänge durch Rosow sind über die Jahre immer kürzer geworden. Genau wie ihr Atem. An der Bushaltestelle legt sie mittlerweile eine „Pustepause“ ein, erzählt die kleine Frau. Wenn sie nicht lächelt, hängen ihre Wangen tief. Das Leben hat ihr Gesicht zerfurcht und die Haare grau gefärbt.
Marieta Tabbert ist 72 Jahre alt. Gehen fällt ihr schwer und die Wohnungsklingel überhört sie leicht. Manchmal ist der Bäckerwagen schon unterwegs ins nächste Dorf, ehe sie es zur Haustür schafft. In Rosow gibt es keinen Bäcker. Es gibt überhaupt kein Geschäft mehr in dem Dorf in der Uckermark. Der Gasthof hat vor Jahren geschlossen.
Trotzdem verläuft mittlerweile eine „Autobahn“ durch den Ort. So nennt Marieta Tabbert die Dorfstraße vor ihren Fenstern. Es fällt ihr nicht leicht, die Bordsteine zu überqueren. Aber sie zwingt sich dazu, so oft es geht. „Das ist ein kleines Muss, um nicht ganz aufzugeben.“ Unterwegs sieht Marieta Tabbert immer häufiger Autos, deren Nummernschilder mit „Z“ beginnen. Sie weiß nicht, wofür das steht. Sie weiß nur, die Autos kommen aus Polen.
Einige der Wagen fahren wegen Radoslaw Popiela aus Zachodniopomorskie, der Wojewodschaft Westpommern, nach Brandenburg. Der Pole ist Immobilienmakler. In seinem Arbeitszimmer in Rosow hängt eine alte Aufnahme. Das Schwarzweißfoto zeigt sein Haus vor 45 Jahren. Die Fensterrahmen waren aus Holz und die Dorfstraße war noch nicht asphaltiert. Damals gehörte das Haus dem Tischler Tabbert. Heute vermietet Radoslaw Popiela dessen Tochter Marieta eine Einliegerwohnung in ihrem Elternhaus.
Zwei Jahre hat der Ausbau des historischen Gebäudes gedauert. Bevor es der Pole kaufte, stand es in Teilen leer. Nun leuchtet die Fassade rot, und die Blumen ringsum strahlen in allen erdenklichen Farben. Radoslaw Popiela ist nicht allein gekommen. Er hat seine Frau Dominika und die beiden Söhne Franciszek und Kajetan mitgebracht. Seit drei Jahren ist das Kleinod in Rosow ihr Lebensmittelpunkt.
Im nahen Stettin könnte sich die junge Familie kein Haus leisten, sagt Radoslaw Popiela. „In den letzten vier Jahren haben sich die Immobilienpreise dort verdoppelt.“ Eine Zweizimmerwohnung mit 56 Quadratmetern koste in der 30 Kilometer entfernten Großstadt 70 000 Euro und mehr. In der Uckermark gibt es dafür ein Heim im Grünen. Darum zogen die Popielas nach Rosow. Nun ziehen sie andere nach.
Radoslaw Popiela, einst Generalsekretär der kleinen linksliberalen Partei „Partia Demokratyczna“, ist heute Makler in eigener Sache. Er verkauft sein Lebensmodell. Der Pole berät Zuzugswillige in allen Fragen. Die Uckermark biete ihnen viel. Die Straßen sind gut, die Häuser günstig. Und im Kindergarten lernt der polnische Nachwuchs spielend Deutsch. Ein Großteil von Radoslaw Popielas Kunden sind junge Familien.
In seinem Arbeitszimmer hat er Rechnungen des ehemaligen Hausbesitzers aufgehängt. Die hinter Glas gebannten Dokumente stammen aus den Jahren 1928 bis 1930. Paul Tabberts Kunden waren einst Stettiner, genau wie jetzt Popielas.
Marieta Tabbert hat das Haus ihres Vaters kaum wiedererkannt, als sie einmal nebenan bei den Popielas zu Besuch war. „Keine Türen, alles so lose und durchgängig“, sagt sie. Das ist nicht ihr Geschmack, aber auch nicht ihre Angelegenheit. „Es sind junge Leute, sie können sich das gerne so machen.“ Marieta Tabbert spricht nicht von Frau Popiela, sondern sagt Dominika. Ob die jüngere Polin sie jemals beim Vornamen nennen wird, weiß sie nicht. Ihr mildes Lächeln aber verrät, Marieta Tabbert hätte nichts dagegen.
Was fühlt Frau Tabbert? Radoslaw und Dominika Popiela haben sich das oft gefragt. Seit drei Jahren sind sie dabei, eine Antwort zu finden, behutsam und rücksichtsvoll. Beide Seiten sagen, dass sie einander gut verstehen. Auch wenn Marieta Tabbert kein Polnisch spricht. „Ich bin zu alt, ich bring das nicht mehr“, sagt sie. Ihre neuen Nachbarn aber nehmen regelmäßig Deutschunterricht. „Wir wollen hier nicht nur schlafen, sondern leben“, sagt Radoslaw Popiela. Englisch reicht da nicht aus, ist seine Erfahrung. Das würden nur wenige in der Uckermark sprechen.
Amtsdirektor Frank Gotzmann spricht fließend Englisch und auch ein wenig Polnisch. In seiner Amtsstube in Gartz gibt er erst Kuchen aus und dann seine Vision zum Besten. Er setzt auf Zweisprachigkeit an der Oder, nennt das Elsass ein Vorbild und fordert, dass Polnisch an Brandenburger Schulen zukünftig erste Fremdsprache sein darf.
Frank Gotzmann ist schneller und öfter in Stettin als in Potsdam. Er weiß, dass sein Amtsbereich, der „lange geblutet“ hat, auf Zuzügler aus der nahen Großstadt angewiesen ist. „Speckgürtel“ oder „Sargnagel“ – vor dieser Weiche stehe seine Heimat. 388 der rund 7000 Einwohner sind bereits Polen, verkündet er stolz. „Verheiratete Paare, Mitte 30, mit Kindern. Polnische Mittelschicht.“ So wie Radoslaw und Dominika Popiela. Der Amtsdirektor lächelt zufrieden. „Die Großstadt ist schön. Aber nur vor der Tür.“ Das ist seine Meinung, die viele Zugezogene aus Stettin teilen.
In Tantow hat bereits ein Drittel der Kindergartenkinder polnische Eltern. In Mescherin bewirtet ein Pole deutsche Touristen. Und ein Elektriker aus Gartz hat viele Kunden in Stettin. Frank Gotzmann, gebürtiger Gartzer, erzählt solche Geschichten gern. Als er noch in Greifswald Jura studierte, nannte ihn ein Prüfer einst einen Pommerschen Bauern. Kein Überflieger eben, aber trotzdem gerissen. Das ärgerte ihn damals maßlos. Heute kokettiert er mit seiner Herkunft. „Ich find das spannend hier.“ Irgendwann, hofft Frank Gotzmann, lebt der Pommersche Bauer wie die Made im Speckgürtel.
Doch das Gestalten ist im Nordosten Brandenburgs nicht immer einfach. Öffentliche Kassen sind so leer wie die Landstriche selbst. Impulse verspricht sich der Amtsdirektor seit Jahren vom mehrfach verschobenen Ausbau der Bahnstrecke zwischen Berlin und Stettin. Einen konkreten Termin dafür gibt es aber noch immer nicht. „Das kotzt einen nur noch an“, platzt es aus ihm heraus. Er fürchtet, das Projekt könnte weiter verschleppt werden. Bis der Zug in die Zukunft vielleicht endgültig abgefahren ist.
Seine Kunden legen Wert auf eine Bahnanbindung, erzählt Radoslaw Popiela. Denn irgendwann will der Nachwuchs auch mal in die Discos von Stettin. Wäre die Infrastruktur besser, er könnte wohl noch mehr Häuser vermitteln. Die neuen Nachbarn arbeiten weiter in Polen und sind an kurzen Wegen dorthin interessiert.
Auf ein Auto angewiesen sind alle Zugezogenen. Von Rosow aus sei er mit dem Wagen schneller im Zentrum von Stettin als seine Mutter, die im Osten der Stadt wohnt, erzählt Popiela.
Lebt der Makler noch in Polen oder schon in Deutschland? Radoslaw Popiela fällt es schwer, die Frage zu beantworten. Rosow, sagt er, liegt zwischen beiden Ländern. In etwa einem Dutzend der Häuser in der 150-Seelen-Ortschaft werde schon Polnisch gesprochen. „Was ist eigentlich eine Grenze?“, wollte sein ältester Sohn kürzlich von ihm wissen, erzählt Popiela.
Marieta Tabbert weiß, was eine Grenze ist. Sie erinnert sich noch daran, wie viele Bauern nach dem Zweiten Weltkrieg in den Westen flüchteten. Neue Menschen zogen nach Rosow. Als die Mauer fiel, verließen auch sie das Dorf. Nun kommen Polen, um zu bleiben. Marieta Tabbert ist froh, dass sie da sind. „Warum sollen die Häuser verfallen?“
Rosow ohne Stettin, das könne sich keiner vorstellen, hat ihr Vater stets gesagt. Als der 1973 starb, markierte der kleine Ort für manche das Ende der Welt. Heute liegt er inmitten Europas. Die Popielas bekommen oft Besuch aus Polen. Und auf Marieta Tabberts Küchentisch steht eine Postkarte von ihrer Nichte, aufgegeben in Toronto, Kanada.
Es gab und gibt keinen Ehemann in Marieta Tabberts Leben, erzählt sie. „Es hat nicht sollen sein.“ Drei Töchter hatte Tischler Tabbert. Die Älteste genießt die Sommer noch heute auf der Hollywood-Schaukel in Rosow. So oft sie kann sitzt Marieta Tabbert dort. Und wenn Franciszek und Kajetan Popiela dann über den Hof toben, ist die kleine Frau zufrieden. „Ein wenig Familienanschluss habe ich doch.“