Zwei zarte Fesseln, die einem Paar glänzend schwarzer Lackschuhen entspringen, daneben ein angeknabberter Apfel auf einem Tuch.
Der Fotograf Manfred Paul widmete sich in seiner Serie „En Passant“ (1985–1990) bestimmten Fragmenten des weiblichen Körpers: Beinen und Füßen. Ob nackt oder in gepunkteten Strumpfhosen – immer sind sie grazil und ein bisschen geheimnisvoll. Wie der Rest der Person aussehen mag, was sie gerade tut – das ist der Fantasie des Betrachters überlassen.
Gedanklich in die Fotografien versunken, rauscht im Hintergrund der passende Sound zu den Fuß-Bildern: harte Absätze, die auf Treppen klappern. Dazu die Geräusche von Türen, die ins Schloss fallen, und geschäftiges Gemurmel in Büros. Denn die Fotos hängen in den Gängen des Brandenburger Kulturministeriums.
Unter dem Titel „Von(Wesens)Verwandtschaften und (Gleich)Artigkeiten“ wird in Potsdam zum ersten Mal ein Ausschnitt aus der Sammlung des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst gezeigt, das im vergangenen Jahr aus den Museen Dieselkraftwerk (dkw) in Cottbus und Junge Kunst (MJK) in Frankfurt (Oder) hervorgegangen ist.
Gezeigt werden vor allem Fotografien und Grafiken aus den 80er-Jahren, teilweise auch neueren Datums. Die Motive sind vielfältig. Subjektive Stadtansichten Michael Schades, die unter anderem Budapest zeigen, oder Fotos von Tina Bara, die bewegte Situationen festhalten – beispielsweise eine Frau, die gerade ihr langes Haar ausschüttet.
Viel Zeit lässt sich vor den Porträts verbringen, die der Fotograf Ludwig Rauch 1986 von Rentnern in Berlin gemacht hat. Die Serie „Nach der Arbeit“ zeigt Ganzkörperansichten von Männern und Frauen auf der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Eine ältere Dame mit schwarzem Kostüm und Hund steht da vor einer Hauswand, an die jemand das Wort „Punk“ gesprüht hat. Dieser Zusammenprall zwischen unterschiedlichen, scheinbar unvereinbaren Lebenswelten einer Stadt birgt eine feine Komik. Generell wirken die Porträtierten ein wenig aus der Zeit gefallen, wie sie da teils herausgeputzt vor verfallenen Hauswänden stehen: die Frau mit weißem Hut und gepunkteten Kleid oder der Herr in hellem Nadelstreifenanzug mit geblümtem Einkaufsbeutel in der Hand. Informationstafeln bieten ausführliche Hintergrundinformationen zu Künstler und Werk. Bei dieser Serie ist die Liste mit Berufen jedoch leider nicht den Bildern zugeordnet. So lässt man ein Ratespiel daraus machen: Wer ist wohl die Fischverkäuferin, wer der Rohrleger und wer die Herrenschneiderin?
Von Rauch ist noch ein sehr eindrückliches, aktuelleres Werk zu sehen. Der Fine-Art-Tintenstrahl-Druck „Somebody You Know Is A Threat“ (2015) zeigt die Kuppel auf der alten Radarstation auf dem Berliner Teufelsberg unter einem braun-roten Himmel, gemasert wie ein Holztisch.
Weitere vertretene Künstler sind Gerd Bonfert, Kurt Buchwald, Klaus Elle, Moritz Götze, Frieder Heinze, Wolfgang Henne, Ulrich Lindner, Michael Morgner, Maria Sewcz und Hans Ticha. Von Claus Weidensdorfer wird eine Lithografie aus einer Mappe präsentiert, mit der er dem Friedenobelpreisträger Carl von Ossietzky (1889–1938) gedenkt. Sie zeigt Köpfe mit gesenkten, in die Zeitungslektüre vertieften Augen.
Der kleine Ausschnitt aus der Sammlung solle Lust darauf machen, das Landesmuseum an seinen Standorten in Cottbus und Frankfurt (Oder) zu besuchen und zu entdecken, hatte Ministerin Martina Münch (SPD) bei der Eröffnung der Ausstellung gesagt. Schön ist, dass sie ohne Eintritt besichtigt werden kann – leider aber nur werktags. Fraglich aber ist, ob das Ministerium der Ort ist, an dem eine breite Öffentlichkeit erreicht werden kann. Auch die Ankündigungen wirken eher verhalten: Die Ausstellung ist auf der Internetseite des Dieselkraftwerkes, nicht aber auf der des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst zu finden. Trotzdem lohnt ein Abstecher. Schließlich ist es doch ganz spannend, von außen Kunst zu betrachten, während hinter den blauen Türen der langen Gänge Kulturpolitik gemacht wird.
„Von (Wesens)Verwandtschaften und (Gleich)Artigkeiten“, bis 4.5., Mo–Fr 7–18 Uhr, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Dortustr. 36, Potsdam, Tel. 0331 8664999