Unzähligen Schulkindern hat sie ihre Geschichte erzählt und ihnen damit etwas vom realen Schrecken des Nationalsozialismus vermittelt. Wie sie in der Blindenwerkstatt des Unternehmers Otto Weidt vor Verfolgung geschützt wurde und schließlich untertauchte, schilderte die deutsch-israelische Schriftstellerin und Journalistin 1978 in ihrer gefeierten Autobiografie „Ich trug den gelben Stern“. „Ab heute heißt du Sara“ heißt das Stück, mit dem das Berliner Grips-Theater ihr Schicksal Kindern und Jugendlichen auf der Bühne nahebrachte. Am Mittwoch ist Inge Deutschkron, eine der bekanntesten Zeitzeuginnen und Berliner Ehrenbürgerin, im Alter von 99 Jahren gestorben.
„Mit Inge Deutschkron haben wir eine bedeutende jüdische Zeitzeugin des nationalsozialistischen Terrors in unserer Stadt verloren“, erklärte der Präsident des Abgeordnetenhauses, Dennis Buchner. „Die Berliner Ehrenbürgerin brachte immer wieder die Kraft auf, ihre Geschichte zu erzählen und uns mit dieser wachzurütteln. Wer Inge Deutschkron persönlich begegnen durfte, wird das nie vergessen. Wir trauern um eine starke Berlinerin.“
Die Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron zeigt in ihrer Wohnung das von ihr geschriebene Buch «Ich trug den gelben Stern». Sie ist im Alter von 99 Jahren gestorben.
Die Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron zeigt in ihrer Wohnung das von ihr geschriebene Buch «Ich trug den gelben Stern». Sie ist im Alter von 99 Jahren gestorben.
© Foto: Britta Pedersen/dpa

Geboren 1922 in Finsterwalde

Deutschkron wurde am 23. August 1922 im brandenburgischen Finsterwalde geboren. Zu Zeiten der Nazi-Herrschaft erfuhr sie als Jüdin in Berlin Hass, Diskriminierung und Verfolgung. Sie konnte der Shoah jedoch entkommen. Später arbeitete Deutschkron in Deutschland und Israel. 2013 hielt sie im Bundestag beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eine bewegende Rede. „Uns allen wird Inge Deutschkron sehr fehlen“, hieß es auf der Internetseite der Inge Deutschkron Stiftung. „Voll von Ideen, immer kämpferisch gegen jede Form von gesellschaftspolitischer Ungerechtigkeit war sie für ihre Freunde eine stete Quelle des Antriebes“, hieß es in einem Statement des stellvertretenden Stiftungsvorsitzenden André Schmitz.

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Hellwach und streitlustig: Das war die resolute Frau bis zuletzt. Sie suchte das Gespräch vor allem mit jungen Menschen, von 2006 an auch über ihre eigene Stiftung, um an die Schrecken des Nationalsozialismus zu erinnern und die nachwachsende Generation vor Extremismus und Rassenhass zu warnen. „Ich bin überzeugt, dass sich wiederholen kann, was nicht politisch und soziologisch aufgearbeitet wird“, lautete ihr Credo. Von den Begegnungen mit jungen Menschen hatte sich Deutschkron oft beeindruckt gezeigt. „Das ist eine Generation, die wissen will.“

Eine „wunderschöne Kindheit“ in Berlin

Ihr Engagement lebte von der kritischen Distanz zu dem Land, dessen Machthaber sie einst vernichten wollten und das sie 1972 aus Protest gegen anti-israelische Tendenzen abermals verließ. Erst 1988 kehrte Deutschkron wieder nach Berlin zurück, wo sie laut eigenem Bekunden eine „wunderschöne Kindheit“ vor der sogenannten Machtergreifung durch die Nazis verbracht hatte. Immer wieder äußerte sie auch ihre Sorgen: Viele Juden lebten meist wieder isoliert „wie vor 1939“, sagte sie einmal. Zudem habe sie sich grundsätzlich mehr Engagement gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit erhofft.
Verbittert gab sich Deutschkron deswegen keineswegs – auch nicht beim Rückblick auf ihr eigenes Leben. Die „Stillen Helfer“ von damals hat sie nie vergessen. So wie jenen älteren Herrn, der der 19-Jährigen mit dem gelben Stern 1941 einen Sitzplatz in der U-Bahn anbot. „Ich weigerte mich und erklärte ihm, dass ich und auch er verhaftet würden, wenn ich, eine Jüdin, seinen Sitzplatz einnähme.“ Erst nach einer längeren Diskussion gab der Mann schließlich nach.
Inge Deutschkron, Überlebende des Holocaust, spricht 2013 im Bundestag auf einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus zu den Abgeordneten und Besuchern. Die Holocaust-Überlebende ist im Alter von 99 Jahren gestorben. Das bestätigte die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa am Mittwoch unter Berufung auf ihr persönliches Umfeld.
Inge Deutschkron, Überlebende des Holocaust, spricht 2013 im Bundestag auf einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus zu den Abgeordneten und Besuchern. Die Holocaust-Überlebende ist im Alter von 99 Jahren gestorben. Das bestätigte die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa am Mittwoch unter Berufung auf ihr persönliches Umfeld.
© Foto: Kay Nietfeld/dpa

Hilfsbereitschaft der Bevölkerung

Sie hat durchaus Hilfsbereitschaft erlebt: Heimlich steckten ihr manche Berliner Lebensmittelmarken zu. Oder sie ließen unauffällig ein Stück Brot, einen Apfel in die Manteltasche der jungen Frau gleiten. Einige Mutige blinzelten ihrer mit dem Judenstern gebrandmarkten Mitbürgerin auf der Straße als Zeichen der Solidarität zu. „Die Mehrheit aber blickte mit ausdruckslosen Augen auf uns“, erzählte die Holocaust-Überlebende und Autorin Inge Deutschkron einmal.
Zivilcourage bleibt ein seltenes Gut – Inge Deutschkron kämpfte dafür, dass sich das ändert. 2013 hielt sie im Bundestag die Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erinnerte zum 95. Geburtstag der Publizistin an ihren Satz „Wer wegschaut, macht sich schuldig“.