Als die Nazis im Vernichtungslager Auschwitz ein Mädchenorchester gründen wollten, meldete sie sich als Akkordeonspielerin – ohne jemals ein solches Instrument in der Hand gehabt zu haben. Das rettete der damals 18-jährigen Esther Bejarano das Leben. In ihrer Autobiografie erinnerte sie sich: „Dann sollte ich den deutschen Schlager ‚Bel Ami‘ spielen und es gelang mir auch. Das war wie ein Wunder.“

Ihre Stimme ist in Potsdam zu hören

Jetzt ist die kleine Frau mit dem mutigen Herzen, die sich seit Jahrzehnten gegen das Vergessen eingesetzt hatte und unter anderem mit einer Hip-Hop-Band gegen Rechts rappte, im Alter von 96 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben. Esther Bejarano wuchs als Esther Loewy behütet mit ihren drei Geschwistern im damals französischen Saarlouis und später in Saarbrücken auf. Ihr Vater war Kantor in der jüdischen Gemeinde und führte sie an die Musik heran.
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Als 1935 das Saarland wieder an das Deutsche Reich angegliedert wurde, verschlechterte sich die Lage für Juden erheblich. Die geplante Ausreise nach Palästina scheiterte, ihre Eltern wurden bereits 1941 von den Nazis in Litauen umgebracht. Die junge Frau musste in Neuendorf (Oder-Spree) Zwangsarbeit leisten, bevor sie Anfang 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde.

Ihre Lager-Odysee beginnt in Brandenburg

„Ich bekam die Nummer 41948. Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern“, schreibt Bejarano in ihrer Autobiografie „Erinnerungen“. Darin schildert sie die Schrecken des Alltags im Lager und wie sie durch das Frauenorchester die Chance zum Überleben bekam. Sie wird ins Frauenlager Ravensbrück verlegt und schafft es, vom anschließenden Todesmarsch zu fliehen. In Potsdam ist ihre schier unglaubliche Geschichte derzeit Teil der Ausstellung „Bruchstücke ‘45“; man kann ihren Erinnerungen per Kopfhörer lauschen, erzählt von ihr selbst (bis 19.9.).
Nach dem Krieg wanderte die junge Frau nach Israel zu ihrer Schwester aus. Hier lernte sie auch ihren Mann kennen, die beiden bekommen zwei Kinder. Weil sie mit der israelischen Politik gegen die Palästinenser nicht einverstanden sind, kehrte die Familie 1960 nach Deutschland zurück. Als sie eines Tages Neonazis auf offener Straße beschimpfen, reicht es Bejarano: Sie entschließt sich, ihr Schweigen zu brechen und wird politisch aktiv, unter anderem im Auschwitz Komitee.

Aufklärung mit Hip-Hop

Zusammen mit Tochter Edna und Sohn Joram gründete Esther Bejarano Anfang der 1980er-Jahre die Gruppe Coincidence mit Liedern aus dem Ghetto und jüdischen sowie antifaschistischen Liedern. 2009 nahmen sie mit der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia die CD „Per la Vita“ auf, die für Verständnis zwischen den Kulturen wirbt. Gemeinsam traten sie auch vor Schulklassen auf, was Esther Bejarano immer besonders am Herzen lag.