Eineinhalb Jahre nach Beginn einer der größten Krisen der Jetztzeit erscheint ein neues Album von Garbage und es fehlt jeglicher Bezug zu Corona oder den Folgen. Während Künstler rund um den Globus versuchen, sich mit kleineren und größeren Produktionen den Frust von der Lockdown-Seele zu musizieren, gibt es auf „No Gods No Masters“ nicht einen Hinweis.

Topaktuell, aber vom vergangenen Jahr

Dabei strotzen die elf Songs nur so vor aktuellen Hinweisen. MeToo, Black Lifes Matters, Climachange usw. - es finden sich alle Aufgeregtheiten der jüngeren Vergangenheit. Was einen topaktuellen Eindruck macht ist indes fast das Gegenteil. Denn Shirley Manson und ihre Männer haben das Album schon im Frühjahr 2020 fertig gehabt und in der Annahme, dass es mit der Pandemie schnell vorbei sein könnte, einfach mal über den ersten Lockdown zurückgehalten. Dann über den zweiten, dritten usw.
Youtube

Youtube

Mit dem ersten Silbersteif am Horizont ist die siebente Platte der Amerikaner nun erschienen und spart das ganz große Thema aus. Irgendwie kurios. Andererseits, im Überdruss all dessen, was die Welt in den vergangenen Monaten erlebt hat, möchte man sich auch wieder anderen Dingen zuwenden, die unzweifelhaft im Argen liegen. Und da sind Garbage plötzlich topaktuell. Denn die alten Aufreger sind die neuen, die Welt hat sich weitergedreht, aber wenig geändert.

Musikalisch in den 90-ern

Allerdings kann die inhaltlich sehr politische Ausrichtung nicht darüber hinwegtäuschen, dass es musikalisch nicht so wirklich vorwärts gegangen ist. Passend zum Inhalt haben Manson & Co in Sachen Wut noch die eine oder andere Schippe draufgelegt, was die Aggressivität der Töne insgesamt steigert. Es ist zuweilen fast ein krasser Gegenentwurf zu jenen Sounds, die die Band in den 1990er Jahren erfolgreich gemacht hat. Insofern stellt sich natürlich die Frage, ob die Wahl der Mittel die richtige ist, die Botschaften zu transportieren. Denn über die Wucht hinaus bleiben Garbage da, wo sie schon immer waren. Das wird alte Fans freuen, ob es neue gewinnt, fraglich. Eines ist jedoch sicher. Um so weniger klingt „No Gods No Masters“ nach dem Einheitsbrei der Millenials.

Analoges Lebensgefühl

Nähert man sich von der rein stilistischen Seite dem Album, finden sich Rock, Punk und Elektro wieder, mitunter wüst vermischt bis hin zu Sounds aus der Frühgeschichte der Videogames. Dazu passt natürlich die Vinyl-Version, transportiert die doch auch ein stückweit analoges Lebensgefühl. Rein technisch gehört nimmt die weiße Scheibe tatsächlich etwas die digitale Härte, bietet aber jedem Teil der Musik genügend Freiraum, sich zu entfalten. Dabei ist der Druck spürbar geringer als im Stream, was dazu verführt, lauter zu hören. Das kann gewollt sein.

Garbage: No Gods No Masters

BMG