Paul McCartney hat es getan und Ringo Starr, auch Sting und nun eben Eric Clapton. Eingesperrt während verschiedener Lockdowns, wurde eine neue Platte aufgenommen. Doch anders als bei den genannten Kollegen ist dabei nicht zwingend etwas neues herausgekommen. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Klassiker neu bewertet

„After Midnight”, „Layla”, „Tears in Heaven” oder „Nobody Knows You When You’re Down And Out” - alles Klassiker von Slowhand, so weit, so bekannt. Die jetzt auf einem Album-Cover zu lesen macht erst einmal nicht zwingend den Eindruck, als sei Clapton während des Eingesperrtseins besonders produktiv gewesen. Daran ändert auch wenig der Hinweis der Plattenfirma, dass es sich um ein Akustik-Set handeln würde. Schließlich, wer Clapton schon mal live erlebt hat oder sein Unplugged-Album kennt, weiß, was ihn erwartet.
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Tatsächlich war genannter Longplayer von 1992 der kommerziell erfolgreichste des Briten und erhielt sechs Grammys. Nach rund 30 Jahren nochmal so einen Versuch zu starten, ist per se keine schlechte Idee. Dennoch ist der Gitarrist und Sänger die Sache für „The Lady In The Balcony: Lockdown Sessions” anders angegangen. Ganz offensichtlich nutzte er die Zeit, sein Gesamtwerk einer neuen Bewertung zu unterziehen und Stücke, die es ihm Wert waren, seiner augenblicklichen Stimmungslage entsprechend anders einzuspielen. Das tat er nicht allein, sondern holte sich seine Bandmitstreiter, den Bassisten und Backgroundsänger Nathan East, den Schlagzeuger Steve Gadd und den Keyboarder Chris Stainton in seinen Landsitz Cowdray House. An den Reglern saß Russ Titelman, der einst auch „Unplugged“ produziert hatte.

Weniger Tempo, mehr Melancholie

Den Hörer erwartet damit ein neuer Blick auf Clapton-Klassiker, Blues-Standards aber auch Cover von  Feetwood-Mac. Insgesamt hat Slowhand deutlich Drive aus den meisten Stücken genommen und eine Portion Melancholie draufgepackt. Am deutlichsten wird das vielleicht bei „After Midnight“, das von Tempo und Ausrichtung her einen komplett neuen Sound bekam. Balladen wie „Tears in Heaven“ freilich bekommt man kaum trauriger hin. Daher hat sie das Ensemble von schmückendem Beiwerk befreit und auf Stimme-Instrument reduziert. Apropos: Mit über 70 mag der Sänger vielleicht nicht mehr so viel Druck auf’s Mic bekommen, das macht er aber mit dem Timbre der Stimme deutlich wett. Die ist rauer, aber zugleich auch milder geworden. Nicht jedoch zahmer, wie ganz deutlich die vierte und letzte Seite des schweren und farbigen Vinyls beweist. Hier wird die 17 Songs umfassende Sammlung bluesig-rockig zu Ende gebracht, mit einem Muddy-Waters-Klassiker „Got My Mojo Working“.

Akustisch herausragend

Sir Eric betrachtet die Doppel-LP als Ersatz für sein abgesagtes Gastspiel in der Royal Albert Hall in London. Dem Konzerthaus wird ja eine besondere Akustik nachgesagt, die auch bei dem Zweifachalbum eine Rolle spielt. Die Reduktion aufs Wesentliche bringt mit sich, dass dieses dann auch besonders im Focus steht. Insofern muss man Musikern und Produzenten bescheinigen, dass sie herausragende Arbeit geleistet haben. Das Vibrieren der Gitarren-Saiten oder die enorme Fülle vom Kontrabass nehmen förmlich den Raum ein, sofern der Hörer die entsprechende Wiedergabekette vorhält. Da sonst nichts die Performance stört, meint man wirklich irgendwann, Clapton und seine Mitstreiter stünden im Hörraum. Rein technisch-akustisch gesehen eine der besten Platten überhaupt.

Eric Clapton „The Lady In The Balcony: Lockdown Sessions“

Universal Music
Album auch als CD, DVD, BluRay und 4K UHD erschienen.