18 Solo-Alben hat Paul McCartney seit dem Split der Beatles veröffentlicht. Sein neues, sein 19., betitelte er dennoch als „McCartney III“. Wer der etwas seltsamen Zählweise auf den Grund gehen will, muss sich sowohl mit der Geschichte wie auch der Psyche des mittlerweile 78-jährigen beschäftigen. Denn die Nomenklatur folgt einem tieferen Sinn und hat damit durchaus Berechtigung.

Nur nicht wie die Beatles klingen

Im Winter 1969/70 leckten die Fab Four die Wunden ihrer Trennung und Paul zog sich in seine Wohnung zurück, um über die ganzen Geschehnisse hinweg zu kommen. Einziger Begleiter war ein Vierspurgerät, mit dessen Hilfe er vor allem eins versuchte, nicht wie ein Beatle zu klingen. „McCartnes I“ war geboren. Ähnliches wiederholte sich knapp zehn Jahre später im Sommer ’79. Nun brauchte der Musiker eine Pause von „The Wings“ und experimentierte auf seiner Farm mit Synthesizern. „McCartney II“ war das Ergebnis. Beide Platten gelten heute unter Fans durchaus als Meilensteine im Schaffen des Künstlers, gleichwohl sie seinerzeit bei der Kritik durchgefallen waren.
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Dieses Schicksal dürfte der aktuellen Produktion erspart bleiben. Denn anders als die Namensvorgänger zeichnet sich „McCartney III“ vor vor allem dadurch aus, dass es über den Status einer Skizze oder eines Entwurfes weit hinausgeht. Geblieben indes ist die Machart. Denn während des ersten Corona-Lockdowns hat sich der Rock-Rentner irgendwann gefragt, wie er die künftigen Tage verbringen wolle. Und da nahm er sich einiger älterer Entwürfe an, griff zu teils schon historischen Instrumenten und begann mit der Arbeit an einem Album, das eigentlich nicht geplant war.

Texter, Musiker, Produzent in Personalunion

Im „Rockdown“-Modus, wie McCartney die Zeit selbst beschreibt, hat er wiederum die gesamte Produktion selbst in die Hand genommen. Im Studio der Farm, auf der seine Tochter lebt, war er Texter, Musiker, Produzent - alles in Personalunion. Dem Hörer präsentieren sich elf teils sehr unterschiedliche Songs, nicht nur in Sachen Rhythmus. Die Klammer, wenn man so will, bildet allerdings ein altes Stück. Denn Start- und Endpunkt des elfteiligen Reigens ist eine Interpretation von „When Winter Comes“, das Paul in den 90ern mit George Martin aufgenommen hat. Dazwischen geht es bunt gemixt zur Sache. Elektronische und psychedelische Ausflüge, kraftvolle Balladen und Tracks, die einen gewissen Beatles-Anklang haben. Nach 50 Jahren hat sich McCartney soetwas erlaubt. Mag sein, dass die Stimme nicht mehr mit der Blüte früherer Jahre vergleichbar ist, unverkennbar geblieben ist sie trotzdem.

Immer neue Details

Und sie wird durch den bekanntermaßen warmen Schmelz des Vinyls noch etwas betont, was im Konzert der verschiedenen Instrumente durchaus seinen Reiz hat. Insgesamt war McCartney sehr auf moderne Hörgewohnheiten bedacht. Die Bühne ist breit, und auch bei minimalistischer Besetzung klanglich sehr ausgewogen. Volumen ist da, wo es hingehört, ohne dass man Details vermissen würde. Im Gegenteil. Mehrmalige Umläufe bringen immer wieder neue Erkenntnisse zu Tage. Für ein Zufallsprodukt geradezu sensationell.