Elf Jahre nach seiner Fertigstellung ist „Welcome2America“ am letzten Juli-Freitag erschienen. Dass dies fünf Jahre nach dem Tode von Prince geschieht, verwundert wohl nur weniger eingeweihte Zeitgenossen. Denn es ist nicht das erste Album, das die Nachlassverwalter des Künstlers der Öffentlichkeit übergeben.

Nach Produktion im Tesor verschwunden

Dennoch ist einiges anders. Denn um den Longplayer, dessen Entstehungsgeschichte und vor allem, warum es nicht veröffentlicht wurde, ranken sich bis heute wilde Gerüchte. Bekannt ist, dass Prince Rogers Nelson das Werk im Jahr 2010 fertig produziert hat und sich dann nach einigen Live-Auftritten - bei denen ein Teil des Songmaterials gespielt wurde - entschied, die Platte in seinem berühmt-berüchtigten Tresor in den Paisley Park Studios verschwinden zu lassen. Dort lagerten dem Vernehmen nach mehrere hundert Songs und halbfertige Alben, von denen seit 2016 schon einiges Material unters Fanvolk gebracht wurde.
Youtube

Youtube

Nun also auch das mittlerweile legendäre „Welcome2America“. Als schweres Doppel-Vinyl kommt die Platte daher, die, Überraschung, nur aus drei Seiten besteht. Die vierte enthält eine sogenannte Sammler-Gravur - Vorsicht also und nicht den Tonabnehmer beschädigen.

Erstaunliche Zukunftsvision des Künstlers

Vor allem um mögliche politische Inhalte der Songs drehten sich seinerzeit die Gerüchte, die nun einfach aufgeklärt werden können. Ja, Prince machte aus seiner Haltung nie groß ein Hehl, seine Scharmützel mit der Plattenindustrie sind legendär. Und als farbiger Künstler zeigte er deutlich, wo er steht. Der Titeltrack ist dann auch fast schon so etwas wie eine visionäre Zustandbeschreibung der Gesellschaft. Wohl gemerkt, soziale Medien spielten in den 2000er Jahre eine untergeordnete Rolle. Prince macht Fakenews dennoch zum Thema, Rassismus sowieso und auch das schwierige Verhältnis schwarzer Künstler zu den Musik-Managern.

Von Motown bis Rock

Die A-Seite kommt fast schon im klassischen Motown-Sound daher, Funk in Zeitlupe gar, zum dem der Musiker mehr rappt als dass er singt. Mitunter vertauscht er auch die Rollen und übernimmt die Backgrounds, während der Chor das Singen hat. Auf Seite B das krasse Gegenteil. Stramme Gitarren, wie man sie zuvor vielleicht das letzte Mal auf „Controversy“ oder „1999“ gehört hat. Hier überrascht der kleine Prince ein zweites Mal. Irgendwo zwischen Funk und Rock spielt sich das Geschehen ab. Dass er auch ganz anders kann, beweist dann wieder das Cover seiner Minneapolis-Nachbarn von Soul Asylum. Denn anders als die Indie-Rocker macht er daraus eine smoothe Piano-Nummer. Die dritte Seite schließlich hört sich an, wie man Prince kennt. Mit teils kiecksiger Stimme und opulenter Instrumentierung, irgendwo zwischen Soul, Funk und Rock.

Durchschnitt im besten Sinne

Musikalisch ist das Album weniger eine Sensation als erwartet. Es bietet aber einen hörenswerten Querschnitt dessen, was viele an der Musik von Prince schätzen. Vielleicht gar zu sehr Durchschnitt im positiven Sinne. Womöglich hat der Musiker deshalb eine Veröffentlichung seinerzeit gescheut, aus Angst, der Platte könnte nicht die notwendige Aufmerksamkeit zu Teil werden. Denn vor elf Jahren war der Künstler zwar ein begnadeter Live-Performer, seine Verkäufe aber hielten sich doch sehr in Grenzen, nachdem er gar ein Album als Gratis-Beilage einer großen britischen Zeitung verschenkt hatte. Nun bekommt „Welcome2America“ die Öffentlichkeit, die sich Prince einst sicher wünschte. Für den englischen „Guardian“ gar ist es das beste Werk der letzten 20 Lebensjahre. „Der Spiegel“ dagegen meint, es fände sich kein Song, der „Purple Rain“ von der Tanzfläche vertreiben würde. So unterschiedlich kann der Blickwinkel auf Prince sein, irgendwo zwischen Kunst und Kommerz.

Prince: Welcome2America

Legacy / Sony Music