Wer in den vergangenen vier Jahrzehnten auch nur annähernd mal ein Konzert der Rolling Stones gesehen hat, kennt „Start Me Up“. In jüngerer Vergangenheit oft der Opener bei Auftritten von Jagger, Richards & Co, belegt der Song Platz sechs der ewigen Bestenliste der live gespielten Titel. Gleich hinter „Satisfaction“, das oft die Shows beendete. Knapp 900 Mal performten die Stones jenen Track, der ebenso das 1981-er Album „Tattoo You“ eröffnet. Jenes auf den zweiten Blick eher eigenartiges Werk, das nach Veröffentlichung neun Wochen an der Chartspitze in den USA stand.

Erfolgreiche Resteverwertung

Eigenartig vor allem deshalb, weil es anders als Studio-Alben nicht extra eingespielt wurde, aber auch keine Best-Of-Zusammenstellung war. Die letzte Tour der Band lag knapp drei Jahre zurück und die Musiker wollten wieder auf die Konzertbühnen. Allerdings war ihnen das 1980 produzierte „Emotional Rescue“ wohl nicht zugkräftig genug, da es im Vergleich zum Vorgänger „Some Girls“ sowohl in den Hitparaden wie auch bei den Verkäufen geschwächelt hatte. Keith Richards erzählt daher die Geschichte so, dass man unbedingt hinter einem Album hertouren wollte. Doch es gab kein aktuelles. Die Glimmer-Twins Jagger/Richards machten so aus der Not eine Tugend und plünderten einfach vorherige Aufnahmesessions. Die neun passendsten Stücke schließlich landeten auf „Tattoo You“.
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Der etwas unorthodoxen Entstehungsgeschichte ist geschuldet, dass das Album somit Songs enthielt, die aus verschiedenen Schaffensperioden der Band stammten. Gleiches gilt für die beteiligten Musiker. So ist selbst der bereits 1974 ausgeschiedene Mick Taylor, der einst den verstorbenen Brian Jones ersetzt hatte, zu hören. Oder aber auch Pete Townshend von The Who als Gastsänger von Backgrounds. „Start Me Up“ kann dabei für die anderen Stücke stehen. Denn es wurde in der zweiten Hälfte der 1970-er Jahre aufgenommen und hatte für „Some Girls“ keine Verwendung gefunden.
„Waiting on a Friend“, der zweite sehr bekannte Track, stammt vom Beginn der Dekade, war also fast schon ein Jahrzehnt alt bei Erstveröffentlichung. Dem Produzenten-Duo, vor allem aber Toningenieur Bob Clearmountain, ist es zu verdanken, dass „Tattoo You“ dennoch wie aus einem Guss klang. Die Teils gravierenden Altersunterschiede der Aufnahmen waren ebenso wenig heraus zuhören wie die über die ganze Welt verteilten Aufnahmestudios. Zudem hatten sich Jagger/Richards entschieden, die Platte in eine schnelle, rockige A- und eine balladeske B-Seite zu unterteilen. Am Ende wurde die „Resteverwertung“ zum seinerzeit erfolgreichsten Stones-Album.

Tattoo You so gut wie nie

40 Jahre später haben die Aufnahmen eine Überarbeitung erfahren, die sie rein technisch sensationell in die Neuzeit katapultieren. Klar, frisch, druckvoll, breite, ortbare Bühne - das schwere Vinyl vermag die Band ungemein plastisch im Hörraum zu verorten. Und weil es inhaltlich schon einmal so gut geklappt hat, wiederholt man zum runden Geburtstag einfach die Songbestückung.
Denn auf der zweiten Scheibe finden sich wiederum ausgesuchte und bisher nicht veröffentlichte Tracks. Die nunmehr dritte Auslese vermag zwar nicht so sehr überraschen, passt aber gut ins Gesamtbild. Am Ende ist „Tattoo You“ so gut wie noch nie, sowohl akustisch wie auch inhaltlich.

Rolling Stones: Tattoo You 40th Anniversary Edition

Universal Music