Für manche wurde es langsam Zeit und für andere ist es fast schon ein Wunder, dass AC/DC mit einem neuen Album am Start sind. Denn die 17. Studioproduktion der Aussie-Rocker war keinesfalls gegeben. Nach dem Tode des Rhythmusgitarristen Malcom Young hatten dessen Bruder Angus und der Rest der Combo nämlich keine Lust mehr, ein Aufnahmestudio zu betreten. Sänger Brian Johnson war nach einem Hörschaden ausgeschieden und Schlagzeuger Phil Rudd stand nach persönlichen Problemen mit einem Bein im Knast und ebenfalls nicht mehr zur Verfügung.

Riffs von Malcom Young

Nun sind alle wieder mit an Bord und selbst der verstorbene Band-Gründer Malcom Young ist auf „Power Up“ zu hören. Der wurde zwar mittlerweile durch seinem Neffen Stevie ersetzt, doch von Seiten der Produktion ließ man verlauten, dass bei einigen der insgesamt zwölf Songs Samples mit Malcom-Riffs verwendet wurden. Das wundert insofern wenig, da die Young-Brüder über die Jahre hinweg deutlich mehr Material eingespielt haben sollen, als jemals auf Platten Verwendung finden kann. Und schließlich gilt Malcom zudem als Erfinder der stampfenden AC/DC-Rhythmen. Tatsächlich werden als Autoren, der bis auf eine Ausnahme nur immer knapp drei Minuten langen Tracks, er und Angus in den Credits genannt.

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So fühlt sich der Hörer auch schnell nach den ersten Akkorden heimisch im AC/DC-Universum. Das etwas verhaltene Intro von „Realize“ bietet den so typischen Vorgeschmack auf die dann folgende Hookline aus unbändig vorwärts marschierendem Schlagzeug, rhythmusgebendem Bass und den teils virtuos dazwischen grätschenden Leadgitarren. Eine Uptempo-Nummer wie man sie von den Mannen aus downunder seit einer Ewigkeit kennt. Und wer’s nicht genau wüsste, sollte Schwierigkeiten haben, sie ins richtige Jahrzehnt zu verorten. Das setzt sich in der Setlist fort. Denn auch „Rejection“ folgt diesem Muster, wenngleich etwas mit gebremsten Schaum. Und „Through the Mists of Time“, bei dem es dann wieder schneller vorwärts geht.

Anleihen von Guns n’ Roses bis ZZ Top

Doch irgendetwas ist anders. Trübte beim ersten Durchlauf noch die Freude auf neues Material die Ohren, hören diese mit der Zeit Elemente heraus, die eher nicht zum klassischen AC/DC-Sound gehören. Und tatsächlich, unter all den bekannten und wieder und immer wieder aufgewärmten oder variierten Stilmitteln schälen nun sich deutlich HaHa- und YuHu-Background-Chöre heraus. Geht die Stimme von Johnson auch mal in Höhen, wo sie eigentlich nichts zu suchen hat. Und schließlich könnte so manch Mitgröl-Chorus auch von Guns n’ Roses stammen. Moment mal, Axel Rose, da war doch was? „Demon Fire“ dann schließlich startet wie ein echter ZZ Top - kurzum, ob nun die Youngs oder Produzent Brendan O'Brien mal links und rechts von der Spur geschaut haben, hier wurde die Zutatenliste für AC/DC-Verhältnisse deutlich erweitert.

Auch ein Revival der frühen Jahre

Ob’s etwas gebracht hat, ist dabei reine Geschmackssache. Vertreter der reinen Lehre haben beispielsweise mit „Shot in the Dark“ - das wohl nicht zufällig als erste Single ausgekoppelt wurde - „Kick You When You’re Down“ oder „No Man’s Land“ noch genügend Material, das sich rein aus den Basics der Aussie-Rocker speist. Gerade letztgenannter Titel kommt dabei fast schon als Rivival-Nummer der großen 70-er und 80-er Jahre daher. In diese Richtung gehen noch andere Tracks, was insofern verwundert, als dass O’Brian für die beiden letzten Studioproduktionen „Black Ice“ und „Rock Or Bust“ verantwortlich zeichnete, also für die „modernen“ AC/DC steht.

Gut, aber kein zweites „Back in Black“

„Power Up“ ist ganz sicher ein gelungenes Comeback. Es schlägt durchaus hörenswert einen Bogen über die verschiedenen Schaffensperioden der Band hinweg. Ob dabei allen alles gefällt sei mal dahingestellt. Die Reminiszenzen an die Frühzeit nach dem Tode von Bon Scott fangen sicher die alten Fans ein, neue könnten mit den geglätteten Backgroundvocals gut leben. Eine Zäsur, wie einst „Back in Black“, stellt das Album dabei ganz sicher nicht dar. Denn so schön die Verwendung von Material ist, das die Young-Brüder noch gemeinsam erstellt haben, ein Neuanfang sieht anders aus.

Jedem sein AC/DC-Sticker

Zumindest in Sachen Vermarktung geben sich AC/DC ganz modern. Auf der Website zum Album kann man sich nicht nur seinen persönlichen AC/DC Sticker anfertigen lassen, sondern zudem auf einer Karte sehen, wie aktiv weltweit davon Gebrauch gemacht wird. Darüber hinaus gibt es den Longlayer in allen nur denkbaren Konfigurationen. Für beinharte Fans als Box mit Stromanschluss, bei der das Logo neonlichtartig flackert, während die Akkorde von „Shot In The Dark“ zu hören sind.

AC/DC Power Up


Sonymusic

Erscheint am Freitag, den 13.11.2020