Frankfurt als Tor zur Freiheit
Die Gespräche mit den wahrscheinlich letzten noch lebenden Zeitzeugen hat Siemssen in ein Dokumentartheaterstück verwandelt. Unter dem Titel "Komme bald!" zieht er mit seinem Eisenbahntheater "Das letzte Kleinod" nun durch Ostdeutschland. Gewählt hat Siemssen die Halte für das Wandertheater nach den Erzählungen der Zeitzeugen – alle Haltepunkte kommen in den Geschichten vor. Frankfurt als Premierenort lag auf der Hand, es war damals das Tor zur Freiheit aus der Gefangenschaft. "Sie passierten alle das Heimkehrerlager Gronenfelde, bevor sie nach Hause durften oder in der sowjetischen Besatzungszone verteilt wurden. Frankfurt war das Nadelöhr, durch das alle durch mussten", so Siemssen. Bis 1950 kehrten deutsche Soldaten über Gronenfelde zurück.
"Mein einer Großvater war wahrscheinlich Kriegsgefangener. Darüber haben wir in der Familien aber nicht viel gesprochen", berichtet Siemssen. Sein Großvater sei wohl früh im Krieg gestorben – "wir haben seinen Gefrierfleischorden mal gefunden" – damit meint er den zynischen Namen des Ordens für die an der Ostfront Gestorbenen, die den harschen sowjetischen Winter nicht überlebten. Der fehlende Austausch in der Familie führte in die Recherche. Für das entstandene Stück hat Siemssen mit sieben Zeitzeugen gesprochen. "Wir haben dann die Interviews thematisch sortiert und die parallelen Erfahrungen herausgesucht. Also zum Beispiel die Zeit in der Hitlerjugend, die Musterung, die Kriegsschilderungen und die Gefangenschaft," so der Regisseur. Entstanden ist nun ein Zusammenschnitt der Gespräche, die Siemssen geführt hat – nur dass die Zeitzeugen im Theaterstück eine Art Erfahrungsaustausch miteinander machen. Die genaue Wortwahl der Kriegsheimkehrer hat Siemssen akribisch übernommen – nichts wurde erfunden.
"Die vier dargestellten Kriegsgefangenen werden alle von Frauen porträtiert, die alle sowohl Russisch als auch Deutsch als Muttersprache haben. Dadurch entsteht eine Verletzbarkeit ... das kaufe ich ihnen wirklich ab, was sie auf der Bühne erzählen." Die russisch-deutschen Schauspielerinnen bringen zudem ihre eigenen Familiengeschichten mit, so Siemssen. Während den Proben habe es durchaus einige Tränen gegeben. "Ich habe auch ein paar Mal geweint. Durch diesen Krieg sind so viele persönliche Lebensentwürfe abgebrochen worden."
Ursprünglich stand auch im Plan, dass "Das letzte Kleinod" mit dem Stück durch Sibirien touren würde. Diesem Plan hat Corona aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Wir werden das auch nachholen, nur können wir jetzt noch nichts planen", erklärt Siemssen. Der große Vorteil seines Theaters sei jedoch, dass sie draußen spielen. Unversehrt davon gekommen sind sie jedoch nicht: "Komme bald!" hätte bereits im Juni Premiere haben sollen; die Zuschauerzahl, die ursprünglich bei 200 geplant war, musste auf 60 pro Vorstellung reduziert werden. "Deshalb machen wir zwei Aufführungen pro Tag."
Eine Recherchereise nach Sibirien habe das Theater ebenfalls absagen müssen. Dennoch betont Siemssen: "Es herrscht eine große kooperative Stimmung im Land." Durch die Initiative des künstlerischen Leiters des Kleist-Forums, Florian Vogel, habe das Eisenbahntheater die August-Tournee doch noch auf die Beine bekommen. Die Aufführung steht im Zeichen des Kulturland Brandenburg-Themenjahrs "Krieg und Frieden".
Was in der Zukunft ansteht, weiß Jens-Erwin Siemssen auch schon: Er möchte sich dem Thema Kohle- und Tagebau widmen. Zuerst möchte er sich aber auf Niedersachsen konzentrieren, die Heimatregion des Ensembles. "Wir sind jetzt viel unterwegs gewesen, und wir dürfen die regionalen Themen nicht aus den Augen verlieren. Das ist wichtig", findet der Regisseur.

Von Brandenburg bis Thüringen

Der ozeanblaue Zug fährt im August mit dem Stück "Komme bald!" durch die ostdeutschen Bundesländer Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Nach einigen Vorpremieren in Niedersachsen findet am 13. August um 20 Uhr am Bahnhof Frankfurt (Oder) die Premiere statt. Ab 19. August gibt es jeweils drei Vorstellungen in Fürstenwalde und Wustermark, bevor der Zug weiter nach Sachsen-Anhalt und Thüringen fährt. Die Vorstellungen finden alle unter freiem Himmel statt. Tickets kosten 28 Euro und können telefonisch unter 04749 1030060 oder auf der Webseite www.das-letzte-kleinod.de vorab gebucht ­werden. wal