Ein Energiebündel. Ein begeisternder, sich von der Begeisterung seiner Zuhörer wiederum anstecken lässt. Der Künstler. Herbert Grönemeyer, immerhin 63 Jahre alt, zeigt sich am Dienstagabend beim ersten von zwei ausverkauften Konzerten in der Berliner Waldbühne in Top-Verfassung. Fast drei Stunden gibt er sich und seiner achtköpfigen Begleitband Zeit, um Songs aus vier Jahrzehnte zu spielen.
„Kein Millimeter nach rechts!“
Der Abend wird zu einem messianischen Erlebnis, vergleichbar vielleicht mit Auftritten von Bruce Springsteen, und das ist nicht nur auf die Konzertlänge gemünzt: Hier wird eine Einstellung heraufbeschworen, wird ein kathartisches Moment erreicht. „Es geht um Haltung, um sich wehren“, kündigt „Gröni“ gleich zu Beginn an. Klar: Gemeint sind die jüngsten Wahlerfolge der AfD, sind Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz in dieser, so Grönemeyer, „historischen, wabbeligen Zeit“. Wiederholt appelliert der Wahl-Berliner an sein Publikum, er plädiert für Wohlwollen im Umgang mit Andersdenkenden und -Aussehenden. In dem neuen Song „Fall der Fälle“ von seinem letztjährigen Album „Tumult“ ruft er in die riesige Waldbühne: „Kein Millimeter nach rechts!“ Der deutsch-türkische Rapper BRKN kommt für das ebenfalls neue Stück „Doppelherz“ als Duettpartner auf die Bühne. Ketzerischer Einwurf am Rande: Er ist an diesem Abend einer von ganz wenigen Anwesenden mit Migrationshintergrund in einer Menge, die sich in ihrer Toleranz doch so einig ist.
Mehrere Zugaben inklusive
Aber die schwer verständlich genölten Liedtexte sind nunmal oft kompliziert. Die Überhits „Bochum“ und „Männer“ rockt Grönemeyer vergleichsweise unprätentiös im ersten Konzertdrittel runter. Aber es gibt ja so viele Klassiker mehr: „Kinder an die Macht“, „Bleibt alles anders“ und „Musik nur, wenn sie laut ist“. Vieles davon landet im langen Zugabenblock, zu dem die Band sich am Ende des Abends gleich mehrfach auf die Bühne zurück bitten lässt. Rund eine Stunde fällt in diesen Extra-Teil.
Für das Anheizen der Stimmung hätte es dieses angetäuschte Ende nach zwei Stunden keineswegs bedurft (, ist aber Standard bei seinen Konzerten). Schon gleich zu Beginn hat der Star des Abends sein Publikum fest in der Hand. Mit neuen Songs wie „Sekundenglück“ wagt er zum Auftakt durchaus etwas, und seine Anhänger gehen bereitwillig mit, sie begrüßen das neue Material kaum minder euphorisch wie die alten Hits. Schon früh beweisen viele Textsicherheit und singen mit. Als sich die Fans auch bei „Bleibt alles anders“ textsicher erweisen, ist "Herbi" beeindruckt: nie zuvor hätte ein Publikum derart gesungen. 
Andere Konzertbesucher müssen zu Beginn erst einmal die opulente Bühnentechnik auf sich wirken lassen – zwei große Videoleinwände an den Seiten übertragen das Geschehen für die Zuschauer auf den oberen Rängen; das wahre Schaustück aber ist ein riesiges, zweigeteiltes Videoelement in der Mitte. In Knallgelb und Blau steht da der Album-Titel „Tumult“ über der Bühne. Grönemeyers exzellente, über die Jahre mit dem „Boss“ (richtig gelesen: noch eine Springsteen-Anspielung) ergraute Begleitband nimmt das Motto sichtlich als Ansporn, legt sich sogleich tumultuös ins Zeug. Die acht Musiker (den zeitweilig mitmischenden Berliner Kneipenchor nicht mitgerechnet) sind ungemein vielseitig, von Rock über Pop bis hin zu Latin. Die von vielen ersehnte Ballade „Flugzeuge im Bauch“ etwa spielen sie als nostalgischen Bar-Jazz mit Kontrabass und Co.. Herbert Grönemeyer setzt sich dazu ans E-Piano, ganz vorne am Rand des Bühnen-Steges, der weit in den Publikumsraum hinein reicht.
Musiker bekommen Raum
Das Konzert liefert so auch ein eindringliches Beispiel dafür, warum so viele Solokünstler ihre Bandmusiker nur ungern ziehen lassen, wenn sie erst einmal ihre eigene Klangwelt gefunden haben. Der typische Grönemeyer-Sound, das ist eben nicht nur dieser textlastige und manchmal schwer verständliche Schnappatmungs-Gesang mit den stakkatoartigen „Öööööh“-, „Aaaaah“- und „Äääääh“-Ausrufen. Es ist auch zum Beispiel das harmonisch komplexe Spiel von Keyboarder Alfred Kritzer, oder das eng verzahnte Gitarrenduo mit Jakob Hansonis und Stephan Zobeley. Grönemeyer weiß das und gewährt ihnen viel Raum. Er räumt auch schon einmal das Feld ganz vorne auf der Bühne und überlässt die Rampe seinen Instrumentalisten, auf dass die während ihrer Solo-Passagen den Jubel der 22 000 Anwesenden auf sich einregnen lassen können.
Ein in seiner Arglosigkeit durchaus schönes Gemeinschaftsgefühl stellt sich so schon bald ein – auf der Bühne wie auch davor. Grönemeyer-Konzerte sind ein wunderbarer Anlass, einmal ganz uncool und ohne künstliche Posen zu feiern. Mit vielen reifen Besuchern, die schon zu Zeiten von „Bochum“ auf den Zug aufgesprungen sein mögen. Aber auch mit etlichen Jüngeren. Am Ende entlässt Grönemeyer, der Menschenfänger, sie alle mit einem Feuerwerk und einem Lächeln in die laue Berliner Septembernacht.

Infokasten