Um den Zauber des Theaters nicht zu stören, darf der Zuschauer nicht wissen, was hinter den Kulissen passiert. Aber es gibt es Ausnahmen von dieser heiligen Regel. Wenn zum Beispiel das Beben im theatralischen Hinterland das Umfeld erfasst. So wie jetzt in Cottbus. Wobei dort nun folgendes Wunder geschah: Nichts von den Verstimmungen, die im Ensemble herrschen, trübte fürs Publikum die Premiere von Verdis „Macbeth“. Im Gegenteil. Mit stehenden Ovationen wurde am Ende belohnt, wie sich Musiker und Sänger freigespielt haben von den Misshelligkeiten. Diese Premiere war ein großartiger, ergreifender, emotional erschütternder Opernabend. Der allerdings den Zwist nicht aus der Welt schaffen konnte.
Das Orchester hatte vorher bekannt gegeben, dass es sich unter keinen Umständen bei der Premiere von seinem Generalmusikdirektor Evan Alexis Christ dirigieren lasse. Es hatte, wie die Lausitzer Rundschau am Sonnabend berichtete, vor der Premiere sogar um den Rücktritt des Hausdirigenten gebeten – und darauf keine Antwort bekommen. Der Ton jedenfalls ist sehr ernst. In einer schriftlichen Erklärung teilte das Orchester gar mit, dass es sich keine weitere Zusammenarbeit mit Christ vorstellen könne. Die Theaterleitung vermied die Eskalation und überließ dem 1. Kapellmeister Alexander Merzyn bei der Premiere den Taktstock. Christ war trotzdem gekommen und saß mit Intendant Martin Schüler im Publikum, der sich nach außen um eine salomonische Lösung bemühte. Und so stand im Programmheft, es dirigiert der 1. Kapellmeister – in der musikalischen Einstudierung von Evan Alexis Christ.
Der konnte von oben sehen, wie Merzyn das Orchester mit großem Feingefühl führte. Schon musikalisch war dieser Oper ein Erlebnis. Manche Sequenzen waren nur hingetupft, wie skizziert, aber in ihrer Sparsamkeit äußert reiz- und gefühlvoll und der perfekte Widerhall für die Dramatik dieser Oper, die so anders ist.
Hier werden keine Liebesverwicklungen verhandelt, sondern Tyrannei, Staatsterror und Machtgier. Diese Oper ist ein Veitstanz überm Abgrund. Sie fragt danach, warum Menschen sich zu Monstern wandeln und ob in den dunkelsten Zeiten noch Hoffnung auf einen Funken Menschlichkeit besteht. Verdi hatte sich an Shakespeares gleichnamige Tragödie angelehnt, sie aber modifiziert. Lady Macbeth ist bei ihm die treibende Kraft und ein finsterer Malstrom, der ihren Mann, General Macbeth, in den Abgrund zieht.
Sie impft ihm den Plan ein, den König abzustechen, als er bei ihnen übernachtet, und an seiner Stelle zu regieren. Aber ist Macbeth nur das Werkzeug seiner ihn unermüdlich ins Unheil treibenden Frau? Nicht in dieser Inszenierung Martin Schülers. Der Königsmörder lässt seine Vernunft von den Weissagungen einer Hexenarmee vernebeln und betäubt selbst seine Skrupel. Macbeth ist verführt, aber nicht wehrlos, sondern berauscht. Grandios dargestellt ist das in der Szene, in der seine Frau den Rock hebt, ihn besteigt und ihm orgiastisch von der Wollust der Macht vorsingt.
Glänzend besetzt ist die Rolle der verführerischen, unheilvollen Lady, die am Ende im Wahnsinn stirbt, mit der serbischen Mezzosopranistin Sanja Radišić, die mit langen, kupferroten Locken (alles Perücke) und feuerroter, eleganter Robe wie eine Edelhexe erscheint. Sie spielt die gebieterische, kaltherzige, heuchlerische Lady so ausgezeichnet, wie sie sie singt. „Ich will dir dein laues Herz erhitzen, ich lehre dich meine Kraft“, flüstert sie ihrem Mann ein, bis er endlich zum Dolch greift.
Er ist über seine Mordtat zunächst verzweifelt und steigert sich dann in einen Blutrausch hinein – aus Angst, den geraubten Thron wieder zu verlieren. Der aus Südafrika stammende Bariton Jaco Venter changiert als Macbeth vortrefflich zwischen Zweifeln, Brutalität und Paranoia und wirft sich mit großer Emotionalität in diese Rolle, die er mit klarer, brillanter Stimme singt. Ingo Witzke (Banquo) steht ihm im Hörgenuss kaum nach. Sein Bass hat sich am Staatstheater beachtlich entwickelt und erblüht in dieser Aufführung.
Die stimmliche Qualität, die in diesem „Macbeth“ zusammenfindet, ist wirklich bemerkenswert. Das schließt die Chöre mit ein. Wobei der Hexenchor, diese Versammlung aus zwei Dutzend  in weißem Mieder herumspukenden, orakelnden Damen von Schüler zu einem singenden Schauspielensemble gemacht wurde. Was seine Inszenierung sehr dynamisch macht.
Der Clou ist das raffiniert-vereinfachte Bühnenbild (Ausstattung: Gundula Martin). Es gibt nur einen großen, sich über die gesamte Bühnenbreite spannenden Rahmen. Er ist mal Rückwand, mal schwebt er als Decke ein. Ein roter Sessel für Lady Macbeth, ein Tisch, auf dem die Hexen herumturnen. Mehr Requisiten braucht es nicht. Dieses wenige an Hülle umrahmt ein Mehr an spielerischer und emotionaler Entfaltung.
Wie immer der Streit um den Generalmusikdirektor ausgeht, der seinen Ton gegenüber Mitarbeitern nicht unter Kontrolle hat – mit diesem „Macbeth“ hat das Staatstheater Cottbus gepunktet.
Vorstellungen: 1.5., 16 Uhr, 30.5. und 26.6. je 19.30 Uhr, Staatstheater Cottbus, Schillerplatz, Tel. 0355 78242424

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