Wie er sich als Mitsklave dieses Geschäftes fühlte, wie ihn die Leichtfertigkeit seiner Eltern quälte, beginnt Erwin Strittmatter aufzuschreiben, als er fast 70 ist. 1982 erscheint der erste Teil seiner Trilogie "Der Laden". Den letzten veröffentlicht er 1992, zwei Jahre vor seinem Tod. Das Staatstheater Cottbus bringt nun den dreiteiligen Roman in zwei Teilen auf die Bühne. Der erste wurde am Sonnabend uraufgeführt, der zweite ist am 22.September zu sehen.
Mario Holetzeck und Betttina Jantzen haben dafür Holger Techkes Theaterfassung bearbeitet und komprimiert. Trotzdem muss man sich auf einen langen Abend einrichten - und auf einen wirklich großen. Denn das über dreistündige Stück ist von Anfang bis Ende hinreißend gespielt und von Holetzeck so intelligent inszeniert, dass es wunderbar unterhält, ohne je banal zu werden, dass es immer wieder urkomisch ist, ohne albern zu sein, und dann aber auch ergreifend dramatische Eskalationen erlebt, die nie überzeichnet wirken.
Das funktioniert, weil das ganze Ensemble mit einer Spiellaune antritt, die selbst die Nebenrollen veredelt. Großartig sind sie alle: Michael Becker als derb-poetischer, schlitzohriger, lebenskluger Großvater Kulka, Heidrun Bartholomäus als dessen Frau, Thomas Harms als irrer Familienhippie Phile und Gunnar Golkowski als rumpliger Bergarbeiter Rakel und Baron von Leeßen - eine Mischung aus Pückler und Bismarck -, der morgens Esau Matts Mutter (ebenfalls wunderbar: Elisabeth Görz) Operettenhits ins Ohr zwitschert.
Esau Matt (Oliver Breite) ist das Alter Ego Strittmatters. Auf der Bühne ein gereifter Mann, der seine Selbstbefragung damit beginnt, sich ein Stück Kindheit zurückzuholen. Er erinnert sich, wie seine Eltern ins sorbisch geprägte Bossdom ziehen, weil sie dort mit geborgtem Geld besagten Laden eröffnen, der Bäckergeschäft ist und Krämerbude.
Kaufleute sind die Eltern nicht. Das Geld rinnt ihnen durch die Finger, weil sie zu gutmütig, zu blauäugig sind. Esau erlebt, wie die Familie von Krise zu Krise stolpert und sich trotzdem ihren bauernschlauen Witz bewahrt. Er selbst entwächst diesem sorbischen Milieu langsam, weil seine Sehnsüchte über Bossdom und den Laden hinausgehen. Dass er Dichter werden muss, fühlt er früh.
Die Inszenierung pendelt zwischen dem jungen Poeten und dem älteren, zweiflerischen Schriftsteller. Ein Hin und Her, das funktioniert, weil Oliver Breite als Esau eine Idealbesetzung ist. Er entdeckt das Kind im Mann, den Mann im Kind, ist Vergangenheit und Zukunft zugleich, ist Grübler, Kindskopf, Lausbub, Philosoph, Träumer, Draufgänger, sein eigener Kritiker und Richter.
Denn in dieser Geschichte geht es zusehends auch um die permanente Befragung des Erzählens und des Erzählers. Dabei scheut sich die Cottbuser Inszenierung nicht, den Dichter an seiner Vergangenheit würgen zu lassen, wenn er an Ländernamen wie "Griechenland" fast erstickt. Dort war Strittmatter während des Zweiten Weltkrieges als Angehöriger einer Polizeieinheit stationiert, die der SS unterstellt war. Bis zu seinem Tode hat er das geheim gehalten. Aber dass er an Kriegsverbrechen beteiligt war, lässt sich bis heute nicht beweisen.
Der Cottbuser "Laden" übergeht diesen Fleck in Strittmatters Vergangenheit nicht geräuschlos, verzettelt sich aber auch nicht in einer Strittmatter-Diskussion, wie sie gerade jetzt im Jahr seines 100. Geburtstages hochkocht. Stattdessen steuert das Stück konzentriert auf die Frage zu, wie sich Dichtung und Wahrheit zueinander verhalten. Das mündet zum Glück nicht in einer Entzauberung, sondern in einer Umschreibung der Poesie, wie Strittmatter sie verstand: das nicht alles, was der Dichter sagen will, mit Händen zu greifen sein darf.
Vorstellungen: 13., 19., 23.6, Staatstheater Cottbus, Restkarten unter Tel. 0355 78242424