"Wenn es mir die ganze Zeit super ginge, würde ich keine einzige Silbe schreiben. Ein gewisses Unglück an sich selbst und der Welt ist Voraussetzung für Kreativität." Sicher, eine neue Erkenntnis ist das nicht. Aber schön, wenn auch ein Künstler selbst das mal bestätigt.
Erst Pech, dann Poesie: Wie das aussehen kann, hat der Berliner Poetry Slammer und Autor Julian Heun, Jahrgang 1989, am Sonnabendabend im Frankfurter Kleist Forum aufs Schönste vorgeführt. Beim "Kampf der Künste: Best of Poetry Slam" als Zweiter auf die Bühne gerufen, nordet er das Publikum im ausverkauften Haus mit folgender Botschaft auf das Kommende ein: "Ich habe mich von meiner Freundin getrennt worden bin".Alles klar?
"Warum ick keene Liebeslyrik schreibe, Babe" heißt sein Text, der die bereitwilligen Zuschauer als Chor einbindet und die Kunst versteht, hinter einer Vielzahl von Pointen auch den Schmerz nicht zu leugnen: "Seitdem du endlich weg bist/ bin ich nicht mehr so allein/ Weil ich mich an das Nichts gewöhnt habe ..."
Von den 30 Punkten, die man von der Publikumsjury im Höchstfall an diesem Abend bekommen kann, räumt Heun am Ende 26,6 ab - nachdem er sich noch die einer Trennung folgende neue Partnersuche vorgenommen und darüber parliert hat, "was man für einen Aufriss beim Aufriss machen muss". Donnernder Applaus!
Den gibt es an diesem Abend auch für die anderen vier Interpreten, die sich dem von Ken Yamamoto ohne Kunstpausen, dafür mal mit feinem, mal mit grobem Witz moderierten Wettkampf der Worte stellen. Sie selbst müssen diese erdacht haben, das ist das oberste Gebot der Stunde - wobei die gewitzteste Geschichte, das schönste Gedicht, die schärfste Gesellschaftsanalyse nichts nützen, wenn der Autor es nicht schafft, das Publikum durch seine Vortragskunst vom Sitz zu hauen.
Ein klarer Vorteil für die Berlinerin Jule Eckert, der es allein schon mit ihrer warmen, dunkel getönten Stimme gelingt, die Zuhörer in Bann zu ziehen. Dass sie auch noch eine gut gebaute Liebesgeschichte erzählt, passt. Ebenso wie das kunstvoll gefügte Märchen, das sie nachlegt, auch wenn dessen Botschaft am Ende vielleicht ein wenig zu vordergründig rüber kommt.
Mit den insgesamt 26,4 Punkten, die die bei Vorstellungsbeginn mit Freiwilligen aus dem Zuschauersaal bestückte Jury der Berlinerin zugesteht, landet sie am Ende auf dem dritten Platz. Die zweite Frau in der Runde, Theresa Hall, verweist sie damit auf den vierten. Und das, obwohl die gebürtige Heidelbergerin, Jahrgang 1989, schon auf eine beachtliche Karriere als Lyrikerin und Slam Poetin zurückblicken kann: Neben Preisen bei diversen Wettbewerben der Szene kann sie auch schon auf einige Veröffentlichungen verweisen und durfte für das Goethe-Institut unter anderem nach Indien und Afrika reisen.
In Frankfurt (Oder) kann die stets bemützt auftretende Hall dennoch nicht gänzlich überzeugen - was nicht nur an mehreren Texthängern im zweiten Beitrag liegt. Wie Jule Eckert ist auch sie, was erstmal positiv anmutet, nicht vordergründig auf der Suche nach dem Witz hinter jedem Reim - wirklich nah bringen kann sie dem Publikum ihre sehr überlegt konstruierten Verse an diesem Abend nicht. Da hilft auch das - im Übrigen nicht ganz neue - Witzchen mit der "Sterbse" nichts (Die meisten kennen es so: Was ist grün und liegt im Sarg?).
Da der aus Bonn stammende Noah Klaus, der den Abend eröffnet hat, nur 22,2 Punkte für seine Beiträge einfahren kann, ist es mit dem 1983 geborenen Rainer Holl am Ende der Älteste der Fünf, der mit Julian Heun noch einmal um den Sieg slammen muss. Er hat die jubelnden Zuschauer zuvor in bester Comedian-Manier unter anderem mit dem Versuch, "die allgemeine Krassheit zu verarbeiten" um den Finger gewickelt ("In Deutschland gibt es mehr als 1000 Wurstsorten - das ist krass"). Im Finale fragt er nun "In aller Deutschlichkeit": "Wohin mit dem Hass"? - und bringt damit die Zuschauer zum Toben. Um so wunderbarer, das sich am Ende doch Julian Heun mit seiner viel leiseren Hommage an seine Großmutter die Krone aufsetzen kann.
Was für ein Abend! Was für ein Wettkampf! Das macht Lust auf die nächste Runde: Am 2.Mai werden erneut fünf Poeten im Kleist Forum in den Ring treten. Der gespannten Aufmerksamkeit ihres Publikum können sie sich bereits jetzt gewiss sein.